4. Nach dem Zeugnisse des Abtes Antonius muß man jede Tugend durch das Beispiel Desjenigen sich aneignen, der sie in besonderem Maße besitzt.
S. 98 Alt und bewunderungswürdig ist folgender Ausspruch des seligen Antonius: Hat ein Mönch, sagt derselbe, der nach dem Zwecke des Klosters den Gipfel der höheren Vollkommenheit zu erreichen strebt, seine eigene Klugheit zu Rathe gezogen, und fühlt er sich nach seinem eigenen Urtheile mächtig genug, zur Höhe des beschaulichen Lebens zu gelangen, so soll er an einem, wenn auch noch so vortrefflichen Mönche keineswegs alle Tugenden zu lernen suchen. Denn den Einen zieren die Blumen der Wissenschaft, eines Andern Stärke besteht in einer ungewöhnlichen Urtheilskraft, die eines Dritten in einer ausserordentlich großen Geduld. Der Eine zeichnet sich durch die Tugend der Demuth, der Andere durch die der Enthaltsamkeit aus; wieder einen Andern schmückt die Gabe der Einfalt. Dieser überragt Alle durch die Uebung der Großmuth, Jener durch die Übung der barmherzigen Nächstenliebe, Dieser durch die Uebung der Nachtwachen, Dieser durch die Uebung des Schweigens, Jener endlich durch seinen Eifer bei der Arbeit. Deßhalb müsse ein Mönch, der geistigen Honig zu sammeln wünsche, wie eine kluge Biene jede Tugend bei Jenen holen, die sie im besonderen Grade besitzen, und dann in dem Gefäße seines Herzens sorgfältig verschließen. Nicht solle er auf etwas Geringeres achten, sondern nur die Tugend, die Einer besitzt, solle er betrachten und mit Eifer sich zu eigen machen. Denn wenn man alle Tugenden von Einem entlehnen wollte, so würde man schwerlich oder gar nie passende Beispiele zur Nachahmung finden. Denn wenn wir auch wissen, daß selbst Christus nach des Apostels Ausspruch1 nicht Alles in Allen geworden ist, so können wir ihn doch auf diese S. 99 Weise d. h. theilweise in Allen finden. Denn von ihm heißt es:2 „Welcher uns geworden ist Weisheit aus Gott und Rechtfertigung und Heiligung und Erlösung.“ Während also in dem Einen Weisheit, in dem Andern Gerechtigkeit, in dem Andern Heiligkeit, in Diesem Sanftmuth, in Jenem Keuschheit, in Einem Demuth, in einem Andern Geduld sich findet, ist Christus jetzt noch gliedweise in jedem einzelnen Heiligen vertheilt. Indem aber Alle zusammen zur Einheit des Glaubens und der Tugend streben, erwächst er zum vollkommenen Mann, die Vollendung seines Leibes in der Zusammensetzung und Eigenthümlichkeit der einzelnen Glieder erreichend. Bis also jene Zeit kommt, in der Gott Alles in Allen ist, kann im gegenwärtigen Leben auf die angegebene Weise, d. h. durch Vertheilung der Tugend Gott in Allen sein, wenn er auch noch nicht vermöge der Fülle der Tugenden Alles in Allen ist. Denn wenn es auch nur ein Ziel unseres Ordens gibt, so gibt es doch verschiedene Beschäftigungen innerhalb desselben, in denen wir uns zu Gott hinwenden können, wie das auch in den „Kollationen“ ausführlich dargelegt werden soll. Daher müssen wir das Ideal der Verschwiegenheit und Enthaltsamkeit vornehmlich bei Jenen aufsuchen, in welchen wir diese Tugenden vermöge der Gabe des heiligen Geistes in besonders hohem Maße bethätigt sehen. Damit soll nicht gesagt sein, daß Einer Das, was in Vielen vertheilt sich findet, allein erwerben könnte, sondern es geschieht nur in der Absicht, daß wir uns bei Aneignung des Guten auf die Nachahmung Jener verlegen sollen, die dasselbe in vorzüglichem Grade erlangt haben.
