Fünfundfünfstigstes Kapitel. Über die das Erkennen in den Engeln vermittelnde Idee. Überleitung.
„Im Bilde geht der Mensch vorüber.“ (Ps. 38.) Wie besorgt der heilige Kirchenlehrer ist, uns sogleich wieder, nachdem er die Erhabenheit der Engelsubstanz und ihre Herrschaft über den Stoff geschildert, zu Gott hinzuführen und zu jenem Unterschiede, welchen auch die erhabenste Kreatur im Vergleiche mit Ihm einhalten muß! Denke nur ja nicht, mein Christ, die Kreatur sei um so vollkommener, je weiter sie von Gott entfernt ist in ihrer Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Ganz das Gegenteil. Siehst du da das reine klare spiegelhelle Wasser im stillen Bache; fast unmerklich fließt das Wasser dahin. Wie zart erglänzen darin die mit lachenden Früchten behangenen Bäume am Ufer; wie spiegelt sich so klar da ab das duftende Grün, die zarten Lilien, die träumerische Haideblüte; und wie die bunten Schmetterlinge tief unten munter herumfliegen! Man sollte meinen, sie seien es wirklich. Da steckt gerade ein Reh seinen Kopf hervor, wie lebenatmend erscheint seine Gestalt vom Wasser abgestrahlt; und dort bellt ein Hund neugierig sich selbst an; von oben strahlt mitten hinein die Sonne und freut sich ihrer Werke. Und nun suche das Bild festzuhalten auf der Leinwand, auf dem Holze, schnitze es in Marmor oder in irgend welchen beliebigen anderen Stoff. Aber welcher Unterschied! Wie lebendig erschien alles im Wasser! Gleichsam tot erscheint es auf dem festen harten Stoffe, auch wenn ein hohes Künstlertalent es verstände, in etwa Leben einzuhauchen. Dies ist ein schwacher Vergleich davon, wie die Engel das Bild Gottes zurückstrahlen. Sie sind in ihrer Substanz wie lebensfrisches, klar helles Wasser. Wir aber haben in uns harten Stoff; auf und mit ihm geht „im Bilde der Mensch vorüber“. Da, im Engel, strahlt das Bild Gottes gleichsam lebendig und fortwährend Leben einhauchend uns entgegen. Im Menschen ist es wie tot. Woher der Unterschied? Der Engel hat von Natur weit mehr unbestimmtes Vermögen in sich. Er stellt dem Urbilde gewissermaßen eine weitere, weichere Fläche hin, worauf dieses in beständigem Einwirken sein Abbild eingräbt. Er ist Gott näher; nimmt die Bestimmung von seiten Gottes tiefer auf; er trägt somit kraft Gottes Einwirkung fester dessen Zeichnung. Der Mensch hat schon in seiner Natur so viele Grenzen. Er besitzt in ihr zahlreiche Schranken, weil er so viel Bestimmungen mit sich herum trägt von seiten der stofflichen Kreaturen. Er ist in seiner stofflichen Natur mehr fern von Gott. Das Bild reicht gewissermaßen nicht bis auf die menschliche Natur hinein. Nur bis in das Innere eines Vermögens reicht es, um vermittelst dieses Vermögens den festen Stoff weicher zu machen, die Natur selber von den stofflichen Banden nach und nach zu lösen, die Ähnlichkeit auch in der Natur, soweit es auf das „Bild“ ankommt, mit den Engeln herzustellen. Der Weg, den dir die Engel freigeben zu Gott hin, ist breit und weit; von allen Seiten öffnet er sich. „Die Thätigkeit der Engel,“ sagte oben Thomas, „ist an sich endlos“ auf alles Gute, auf alles Wahre gerichtet, „während ihr Sein begrenzt ist.“ Wo aber findet dieses Endlose seine Begrenzung, wenn es sich um die wirkliche Thätigkeit handelt? Thomas hatte es bereits vorhergesagt: „Nicht von unten, nicht von dem Sichtbaren her!“ Da bleibt das Endlose. „Von Gott her“ wird die einzelne Thätigkeit im Erkennen bestimmt. Da schau', o Mensch, deinen Trost; da betrachte einen weiten Weg zu Gott. Wenn du erkennst, so bist du eins mit deinem Erkenntnisgegenstande, weil dieselbe Substanz oder dasselbe Allgemeine, welches außen mit Einzelheiten verbunden erscheint, in deiner Vernunft vermittelst der Idee bestimmend formt; losgelöst von allen Einzelschranken in Zeit und Ort. Du erkennst aber nicht dieses Allgemeine unmittelbar; denn du bist nicht reine Vernunft. Du erkennst kraft deiner Sinne vielmehr das Einzelne unmittelbar wie es unter den Schranken von Zeit und Orte steht, jedoch unter dem Gesichtspunkte des Allgemeinen; du erkennst den einzelnen Menschen auf Grund seiner allgemeinen Menschnatur. Auch der Engel erkennt nicht unmittelbar seine allgemeine Erkenntnisform. Auch er erkennt direkt und unmittelbar das Einzelne. Aber erkennt er es, weil die sichtbaren Dinge auf ihn einwirken und den Sinn bestimmen? Nein; Gott bestimmt in ihm die Erkenntnis. Er erkennt das Einzelne auf Grund der allgemeinen Idee so, wie dieses Einzelne in der bestimmenden Gewalt Gottes ist. Nicht der unreine Stoff vermittelt bei ihm, sondern die reinste Güte. Nun haben wir aber oben gesehen, wie kraft seiner Substanz, d. h. mit natürlicher Notwendigkeit der Engel über den Ort des Körperlichen herrscht; wie der eine Engel von Natur aus an diese Art von Ort gebunden ist, der andere an jene; und wie sie demgemäß einwirken und dem Stofflichen seinen Ort anweisen. Wir haben gesehen, wie der Stoff gar nicht sich äußern, wie er gar nicht thätig sein kann, ohne in einem Orte zu sein; — wie also gerade die Äußerung, die Thätigkeit des Stoffes als solchen vom Einwirken der Engel unmittelbar abhängt. Wonach aber richtet sich das Einwirken der Engel im einzelnen? „Wie sie wollen,“ hatte oben Thomas gesagt. Hier aber sagt er den letzten Grund: Wie sie die Bestimmung für die Kenntnis des Einzelnen unmittelbar von Gott erhalten und danach sich selbst bestimmen. Welch wahrhaft weite Heerstraße zu Gott hin eröffnet sich da vor uns. Wir wissen bereits, Gott selber leitet unsere Vernunft, unseren Willen unmittelbar durch seine Gegenwart in der Seele. Dies geschieht uns unbewußt. Aber Gott hat noch weiter für uns gesorgt, damit wir auch bewußterweise in der Vergegenwärtigung des Einzelnen mit Zuverlässigkeit in seiner Nähe bleiben! Die heiligen Engel erhalten kraft ihrer Substanz auch den bestimmenden maßgebenden Grund für das Erkennen des Einzelnen von Ihm. Nach dieser Kenntnis des Einzelnen wenden sie ihre Kraft, welche sie zugleich mit ihrem eigensten Charakter von Gott erhalten haben, auf den einzelnen Stoff an. Gemäß dieser Einwirkung wird in den besonderen Verhältnissen der Stoff selber etwas kraft eigenen Seins Bestehendes und ein im besonderen unter Zeit und Ort seiender. Er wirkt danach auf unsere Sinne; und wir können ihn so zum einzelnen Gegenstand der vernünftigen Kenntnis haben. Dementsprechend findet Gott, der den Anfang gegeben, vermittelst der Kraft, welche Er den Engeln verliehen, seine erste unmittelbare, dem Menschen unbewußte Wirkung in der Menschenseele wieder. Er verleiht da, wie Er selber Selbständigkeit ist, nun in seinem Einwirken wieder Selbständigkeit, indem Er das Wirken seiner heiligen Engel mit dem zuerst von Ihm Gewirkten verbindet und so den einzelnen Akt in erster Linie wirkt. Ist es unser Akt? Ja; denn uns gehört das Vermögen; wir vermochten thatsächlich so zu wirken; wir können es inmitten des Aktes. Ist er Gottes Akt? Ja, und in erster Linie. Denn Gott gab die Thatsächlichkeit vom Anfang bis zum Ende. „Auch der höchste Engel,“ sagte oben Thomas, „ist nicht seine Substanz.“ Sein Wirklichsein ist nicht Wesen; ist nicht notwendig. Selbst die höchste Kreatur ist in allem, was sie ist und wirkt, der Substanz und den Fähigleiten nach nur Vermögen; sie kann bloß. Und je höher sie ist, desto größer ist dieses Vermögen, desto bedürftiger ist sie Gott gegenüber. Gott allein ist Wirklichkeit. Nur soweit Er einwirkt und so lange Er es thut, hat etwas Sein; und dabei bleibt Er immer in Sich sein eigenes Allsein. Nichts Anderes predigen uns die Engel, als daß wir nur immer Gottes Bild allein bewahren sollen. „Dem Bilde,“ hatte früher Thomas gesagt, „ist es der Natur nach eigen, daß es von Einem kommt.“ Blicke nur immer auf Gott. Soweit von Ihm dein Wirken kommt, soweit besitzest du sein Bild, und „gehst du vorüber in diesem Bilde“. Die Engel sind nichts Anderes als Boten Gottes. Sie machen frei den Weg zum Urbilde. Thomas sagt so treffend: „Das ziemt sich der Vollendung des Ganzen, daß die höchsten Kreaturen ihrer Substanz nach nicht Wirklichsein, nicht Thätigkeit sind, sondern Vermögen.“ Denn die höchsten Kreaturen haben eben am meisten von Gott, zeigen deshalb am meisten auf Gott, wollen am meisten empfangen und immer wieder empfangen. Im Bereiche des Vermögens stehen sie den anderen Kreaturen gegenüber als einwirkend und bestimmend. Was im Bereiche des Stoffes höher ist seiner Natur nach, wirkt auf Anderes; aber es empfängt auch wieder vom anderen Geschaffenen. Es besteht da ein allseitig schrankenvolles Wechselverhältnis von Geben und Empfangen. Den stofflosen Geistern jedoch giebt kein Körper etwas, keiner bethätigt sie. Sie geben nur und sie geben aus reiner Güte. Der Erzengel Raphael nahm nichts an von den beiden Tobias. Darin sind sie den stofflichen Kreaturen gegenüber ein reines Bild der göttlichen Güte. Gott aber schulden sie alles. Von Ihm wiederum empfangen sie alles. In ihnen wird die ganze stoffliche Schöpfung Vermögen um zu empfangen und im einzelnen bestimmt zu werden: dem Schöpfer gegenüber. „Durch den Willen Gottes war ich bei euch;“ so gab Raphael den einzigen bestimmenden Grund seines Handelns an. In den heiligen Engeln, durch ihre reinen Hände dargebracht, verliert die stoffliche Natur ihre Starrheit, wird wie geschmolzenes Wachs, wie der leise dahinfließende Bach. Gott läßt darin sein Bild leuchten und in diesem Bilde, unter der Einwirkung Gottes wandelt dann die Schöpfung vorüber, in sichtbarer Weise geführt vom Menschen. So wird in den Engeln die ganze sichtbare Welt vollendet zur Verähnlichung mit Gott, wie Thomas bereits Kap. 50, Art. 1 gesagt. Denn in ihnen wird sie Vermögen, um unmittelbar das Bild des Allmächtigen, das Bild der reinen Güte zu empfangen; auf daß dann der Psalmist mit Recht sage: „Im Bilde geht der Mensch vorüber.“
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