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Wird nicht jeder, der der Natur der Dinge nicht bloß oberflächlich nachspürt, sich darüber wundern, dass Jesus alle Dinge, die sonst Unehre bringen, überwunden und durch seinen Ruhm die berühmten Männer aller Zeiten zu übertreffen vermocht hat? Und dann ist es selten, dass die Männer, die in der Welt einen großen Namen haben, ihren Ruhm auf Grund mehrerer1 verdienstvoller Taten zugleich haben gewinnen können. Denn der eine wurde wegen seiner Weisheit, ein anderer wegen seiner Feldherrnkunst, einige von den Barbaren wurden wegen der wunderbaren Kraftwirkungen, die sie mit ihren Zaubersprüchen vollbrachten, der eine wurde wegen dieses, der andere wegen jenes Vorzuges oder Verdienstes bewundert und berühmt, und keiner wegen vieler Verdienste und Vorzüge zugleich. Jesus aber wird, abgesehen von seinen anderen großen Eigenschaften, bewundert wegen seiner Weisheit, wegen seiner Wunder und wegen seiner Herrschergröße. Denn er gewann Anhänger nicht wie ein Tyrann, der andere zum Abfall von den Gesetzen mitverleitet, nicht wie ein Räuber, der seine Gesellen zum Kampfe gegen die Menschen einübt, nicht wie ein Reicher, der den Unterhalt der S. 42 Leute bestreitet, die zu seiner Partei übergehen, nicht wie einer, dessen Verfahren allgemeinen Tadel erregt, sondern als ein Lehrer der Erkenntnis des allmächtigen Gottes und seiner Verehrung und des ganzen Sittengesetzes2, das imstande ist, jeden zur Gemeinschaft mit dem über allen waltenden Gott zu führen, der dieses Gesetz zur Richtschnur seines Lebens gemacht hat. Und während Themistokles und die sonstigen berühmten Männer durch nichts gehindert wurden, sich einen berühmten Namen zu erwerben, trat bei Jesus zu den angeführten Gründen, die an sich schon ausreichen konnten, um eine noch so edle Natur in den Schatten der Ruhmlosigkeit zu stellen, noch sein Kreuzestod hinzu, der für schimpflich galt und genügte, um auch den bereits erworbenen Ruhm gründlich zu vernichten und die nach der Meinung der Gegner seiner Lehre „vorher getäuchten Leute“ zum Abfall von „dem Betrug“ und zur Verurteilung „des Betrügers“ zu veranlassen.
