5. Von Bischof Aravatius und den Hunnen
Es verbreitete sich das Gerücht, die Hunnen wollten in Gallien einfallen. Es lebte aber damals zu Tongern Bischof Aravatius, ein Mann von ausnehmender Frömmigkeit, der lag stets Wachen und Fasten ob und bat oft unter einem Strom von Tränen die göttliche Gnade, sie möchte nicht dies ungläubige Volk, das immer ihrer unwert gewesen sei, nach Gallien kommen lassen. Aber es sagte ihm der Geist, um der Missetaten des Volks willen sei sein Gebet nicht erhört. Da beschloß er nach Rom zu gehen, um sich den Beistand des Apostels zu gewinnen S. 66 und so leichter von der Gnade des Herrn zu erlangen, was er in aller Demut erfleht hatte. Er ging also hin zu dem Gkghe des heiligen Apostels und bat um seinen hilfreichen Beistand, indem er in vielen Entbehrungen und anhaltendem Fasten seinen Leib verzehrte, denn zwei bis drei Tage blieb er ohne alle Speise, und ließ zu keiner Zeit im Gebet nach. Als er aber viele Tage hindurch in solcher Kasteiung verharrt hatte, soll er vom heiligen Apostel diese Anwort erhalten haben:
»Was bestürmst du mich, heiliger Mann? Denn siehe, in Gottes Ratschluß ist es unabänderlich beschlossen, daß die Hunnen nach Gallien kommen, und daß dieses Land von einem gewaltigen Sturme verheert werden soll. Jetzt also entschließe dich, eile schnell von dannen, bestelle dein Haus, sorge für deine Ruhestätte, und richte für dich reine Linnen her. Denn siehe, du wirst abscheiden von diesem Leibe, und deine Augen werden die Leiden nicht sehen, welche die Hunnen in Gallien bereiten werden, wie es der Herr unser Gott gewollt hat.« Als dies der Bischof von dem heiligen Apostel vernommen, machte er sich eiligst auf den Weg, und kehrte schnell wieder nach Gallien heim. Und da er nach Tongern kam, nahm er alsobald alles mit sich, was zu seinem Begräbnis not war, und sagte den Geistlichen und den andren Bewohnern der Stadt Lebewohl, indem er ihnen unter Tränen und Wehklagen verkündigte, daß sie sein Angesicht fortan nicht mehr sehen würden. Aber jene begleiteten ihn jammernd und weinend und baten ihn ehrfurchtsvoll und sprachen: »Ach, verlasse uns nicht, heiliger Vater, vergiß uns nicht, guter Hirte.« Doch sie konnten ihn durch ihre Tränen nicht zur Umkehr bewegen: da segnete und küßte er sie, und sie kehrten heim. Als er aber gegen die Stadt Maastricht kam, befiel ihn ein mäßiges Fieber, und er schied ab von diesem sterblicben Leibe. Es wuschen ihn die Gläubigen und begruben ihn neben der großen Landstraße. S. 67 Wie dann nach langer Zeit sein Leib erhoben und fortgebracht wurde, haben wir in dem Buche der Wunder erzählt1.
Von dem Ruhme der Vekenner Kap. 71. ↩
