12. Von König Childerich und Aegidius
S. 86 Childerich1 aber, der dazumal über das Volk der Franken herrschte, erga«b sich ganz und gar einem schwelgerischen Leben, und fing an die Mädchen in seinem Volke zu mißbrauchen. Darob ergrimmten die Franken gegen ihn und nahmen ihm die Herrschaft. Und als er in Erfahrung brachte, daß sie ihn sogar töten wollten, machte er sich davon und ging nach Thüringen. Er ließ aber einen Vertrauten2 daheim zurück, der sollte sehen, ob er nicht mit Schmeichelworten ihm die aufgebrachten Gemüter wieder versöhnen könnte. Und er gab ihm ein Zeichen für den Fall, daß er ohne Gefahr zurückkehren könnte in seine Heimat. Sie teilten nämlich ein Goldstück; die eine Hälfte nahm Ehilderich mit sich, die andere aber behielt sein Vertrauter und fprach:
»Wenn ich dir diese Hälfte schicke, und sie mit deiner Hälfte verbunden ein Goldstück ausmacht, dann kehre ohne Furcht zurück in deine Heimat. « In Thüringen nun hielt sich Ehilderich beim König Bisin3 und seiner Gemahlin Basina verborgen. Die Franken aber, nachdem sie ihn vertrieben, wählten zu ihrem Könige den Aegidius4, der, wie oben erzählt, von den Römern5 zum Befehlshaber der Truppen in Gallien eingesetzt war. Und als er im achten Jahre über sie herrfchte, da schickte jener vertraute Dienstmann, als er die Franken heimlich für Childerich gewonnen hatte, Boten zu ihm und sandte ihm die Hälfte des Goldstücks, das er behalten hatte. Als nun Ehilderich den S. 87 klaren Beweis vor Augen hatte, daß die Franken wieder nach ihm verlangten und ihn selbst zur Rückkehr aufforderten, da kehrte er von Thüringen heim und wurde wieder in sein Königreich eingesetzt Jn der Zeit dieser Herrscher6 verließ jene Basina, die wir oben erwähnt, ihren Gemahl und kam zu Childerich. Und als er besorgt sie fragte, weshalb sie aus so weiter Ferne zu ihm käme, soll sie ihm zur Antwort gegeben haben: »Jch kenne deine Tüchtigkeit und weiß, daß du sehr tapfer bist, deshalb bin ich gekommen, bei dir zu wohnen. Denn wisse, hätte ich jenseits des Meeres7 einen Mann gekannt, der tüchtiger wäre, als du, ich würde gewiß danach getrachtet haben, bei ihm zu leben« Da freute er sich über ihre Rede und nahm sie zur Ehe. Und sie empfing und gebar einen Sohn und nannte ihn Chlodovech. Der war gewaltig und ein tapferer Streiter.
Die folgende Erzählung ist stark mit sagenhaften Elementen durchsetzt Sie im einzelnen ausscheiden wollen, wird allerdings vergebliche Mühe sein. ↩
Nach dem sog. Fredegar I11, 11 war sein Name Viomad, ihm soll dann auch Aegidius großes Vertrauen geschenkt haben, und ihm die Herrschaft über die Franken nach Ehilderichs Entfernung übergeben haben. ↩
Bisin war, wie Fortunatus im Leben der Radegunde (cap. 2) angibt. de! Vater Hermenfrids und Verthars ↩
Das kann nur heißen, sie unterwarfen sich seiner Autorität als des vom Kaiser eingesetzten Oberbefehlshabers Die Franken standen im allgemeinen in dieser Zeit noch in dem Verhältnis der dem römischen Reiche oerbündeten Völker, die das Ansehn des Kaisers in einem gewissen Umfange über sich anerkannten— ↩
»Vom Reich« Vgl. oben Kap. 3 am Ende. ↩
Nach dem sogenannten Fredegar (l11, n) dagegen entspann sich nach Childerichs Rückkehr ein langer Kampf zwischen ihm und Aegidius. « ↩
Aus dieser Stelle schließt Waitz, daß das Land der Thüringer, welches l)ier gemeint ist, am Meere liegen mußte und denkt an das S. 68 erwähnte Thoringietk Die Nennung des Bisin scheint dagegen zu sprechen. ↩
