23. Wie Gott die dem Sidonius angetanen Kränkungen rächte
Und obschon er ganz dem Dienste Gottes sich weihte, und ein heiliges Leben führte mitten in der Zeitlichkeih erhoben sich doch gegen ihn zwei Priester und nahmen ihm alle Gewalt über das Vermögen der Kirche, indem sie ihm nur einen kärglichen und knappen Lebensunterhalt ließen und die ärgste Schmach über ihn brachten. Aber nicht lange ließ die göttliche Gnade solches Unrecht geschehen. Denn einer von diesen schändlichen Priestern — die wirklich unwürdig sind, Priester genannt zu werden — drohte eines Abends» er wolle ihn noch aus der Kirche schleppen, und als er die Glocke zur Frühmette läuten hörte, erhob er sich, voll von Galle gegen den Heiligen Gottes, um in seiner Bosheit auszuführen, was er Tages zuvor sich vorgesetzt hatte. Als er aber in das geheime Gemach ging, um zuvor seine Notdurft zu verrichten, starb er plötzlich Es wartete sein Diener außen mit einer Kerze auf ihn, daß er herauskäme. Und da schon der Tag anbrach, schickte sein Gefährte, der andere Priester nämlich, einen Boten und meldete ihm dies: »Komm, zögere nicht mehr, daß wir zusammen ausführen, was wir gestern befchlvssetM Da aber der Tote drinnen keine Antwort gab, hob der Diener den Vorhang am Eingang1 auf, und fand seinen Herrn todt auf dem Sitze im geheimen Gemache. Dies zeigt, daß seine Schuld nicht geringer war, als die des Arius, dem auch so im heimlichen Gemache die Eingeweide aus dem Unter- S. 96 leibe drangen[^2]. Denn man kann es auch nur als eine Ketzerei ansehen, wenn man in der Kirche nicht gehorcht dem Bischofe Gottes, dem es übertragen ist, die Schafe zu weiden, und wenn der die Gewalt an sich reißt, der weder von Gott noch von Menschen den Auftrag dazu erhalten hat. Darauf wurde der gute Bischof, während noch immer einer seiner Feinde lebte, in seine Gewalt wieder eingesetzt Alsbald aber erkrankte er, und es befiel ihn ein Fieber. Er bat die Seinen, sie möchten ihn nach der Kirche bringen, und, als er dahin gebracht, versammelte sich um ihn eine große Menge von Männern, Weibern und Kindern, die schrieen und riefen: »Warum verläßt du uns, guter Hirte, und wem überläßt du uns, die Verwaisten? Wird es für uns noch ein Leben geben nach deinem Heimgang? Wird einer sein, der uns nach dir mit dem Salz der Weisheit würze? Oder zur Furcht des göttlichen Namens antreibe durch so weise Ermahnungen?« Solches und Andres sprach das Volk unter vielen Tränen, endlich aber antwortete ihnen der Bischof aus dem heiligen Geist, der sich über ihn ergoß: »Fürchte dich nicht, mein Volk, es lebt mein Bruder Aprunculus und wird dein Bischof sein.« Sie aber verstanden ihn nicht, und glaubten, er rede in Verzückung. Als er aber die Erde verlassen, riß jener abscheuliche Priester, der von den beiden genannten noch am Leben war, sogleich voll Habsucht alles Vermögen der Kirche an sich und tat, als ob er schon Bischof wäre. »Endlichssgke er, hat Gott mich angesehen und erkannt, daß ich gerechter als Sidonius bin, und mir solche Macht erteilt« Hochmütig zog er durch die ganze Stadt, und am Sonntage nach dem Tode des heiligen Mannes ließ er ein Mahl bereiten und alle Bürger zum Kirchenhaus cinladen. Er ließ sich aber zuerst UUs seine S. 97 Sitz nieder und zeigte nicht die gebührende Achtung gegen die Vornehmen. Da überreichte ihm sein Schenk einen Becher und sprach: »Herr, ich sah einen Traum, den will ich dir mit deiner Erlaubnis erzählen. Mir träumte in dieser Sonntagsnacht, und siehe, ich erblickte einen großen Palast, und in demselben war ein Thron aufgeschlagen, auf dem thronte als Richter einer, der mächtiger war als alle andren. Bei ihm standen viele Priester in weißen Gewändern und unzählbare Scharen gemeinen Volkes. Und als ich erschrocken auf alles dies mein Auge geheftet, fah ich von weitem unter ihnen stehen den seligen Sidonius, und wie er heftig stritt gegen jenen dir so vertrauten Priester, der vor wenigen Jahren gestorben ist. Dieser unterlag und der König hieß ihn in den tiefsten Kerker werfen. Als er aber fortgeschleppt, erhob jener sich abermals und zwar gegen dich, denn er sagte, du seiest desselben Verbrechens schuldig, um dessentwillen jener verdammt. Emsig fing nun der Richter an zu suchen, wen er zu dir entsenden sollte, ich aber suchte mich unter den andren zu verbergen und stellte mich hinter ihm auf, denn ich dachte, ich möchte geschickt werden, weil ich dem Manne bekannt. Und da ich das noch still bei mir erwog, verschwanden alle, und ich blieb allein auf dem Platze. Da rief mich der Richter und ich trat näher. Geblendet von seiner Macht und seinem Glanze und betäubt fing ich an vor Furcht zu beben.
»Fürchte dich nicht, Sklave, sprach er, sondern gehe und sage jenem Priester: ,Komm zu deiner Verantwortung, denn Sidonius verlangt, daß du beschieden werdest.«« — Beeile dich also, Herr, zu gehen, denn unter hohen Beteuerungen hat mir jener König geboten, dir dieses zu melden. ,Wenn du schweigsts sagte er, ,wirst du eines gräulichen Todes sterben« Da er solches sprach, erschrak der Priester, der Becher sank ihm aus der Hand, und er gab seinen Geist auf. Man trug ihn von Tische fort und begrub ihn, daß er mit seinem Genossen zur Hölle fahre.
S. 98 Solches Urteil vollstreckte der Herr über jene hochmütigen Geistlichen: der eine hatte den Tod des Arius, der andre fiel von der stolzen Höhe seines Übermuts jählings in die Tiefe, wie Simon der Zauberer bei dem Gebet des heiligen Apostels. Und zweifelsohne sind sie vereint in der Hölle, wie sie vereint schändlich gegen ihren heiligen Bischof frevelten.
Jnzwischen2 aber verbreitete sich schon überall in diesen Gegenden der Ruf von der furchtbaren Macht der Franken, und alle wünschten sehnlichst unter ihrer Herrschaft zu stehen. Deshalb hegten auch die Burgunder gegen den heiligen Aprunculus, der damals Bischof von Langres war, Verdacht, und da der Haß gegen ihn von Tag zu Tag größer ward, beschlossen sie, ihn heimlich mit dem Schwerte zu treffen. Er aber erfuhr es, entkam bei Nacht aus Dijon, indem er sich von der Mauer herabließ, und begab sich nach Arvern. Da wurde das Wort des Herrn, das er in den Mund des heiligen Sidonius gelegt hatte, erfüllt, und Aprunculus wurde der elfte Bischof von Arvern.
[^2] Daß Arius in der geschilderten Weise vom Tod überrascht worden sei. WTFV bereits von seinen Zeitgenossen (Gegnern) behauptet. Gkegvk kOUUW Das z— V— m Los» Rufmus (I1I. 13) lesen—
