37. Vom Krieg mit Alarich
Darauf sprach König Chlodovech zu den Seinigen:
»Es bekümmert mich sehr, daß diese Arianer noch einen Teil Galliens besitzen. Laßt uns ausbrechen unter Gottes Beistand, sie besiegen, und dies Land in unsere Gewalt bringen1« Und da allen diese Rede wohl gefallen hatte, brach er mit seinem Heere auf und zog gen Poitiers, denn dort hielt Alarich sich damals auf. Dieweil aber ein Teil des Heeres durch das Gebiet von Tours zog, erließ er aus Verehrung gegen den heiligen Martinus einen Befehl, niemand solle aus dieser Gegend etwas andres nehmen, als Futtergras und Wasser. Es fand aber einer von seinem Heere bei einem armen Manne Heu und sprach: »Hat nicht der König befohlen, wir» sollten Gras nehmen, aber nichts andres? Das aber ist ja Gras. Wir werden also des Königs Gebot nicht überschreiten, wenn wir es nehmen« Da er dem armen Manne aber Leid antat und ihm mit Gewalt das Heu nahm, kam die Sache vor den König. Der hieb ihn mit dem Schwerte hurtiger nieder, als das Wort den Lippen entfliehh und sprach: »Wie sollen wir siegen, wenn wir den heiligen Martinus erzürnen?« Das war Warnung genug, daß das Heer fortan nichts mehr aus dieser Gegend wegnahm. Der König aber sandte Boten nach der Kirche des Heiligen und sprach: »Gehet, vielleicht empfangt ihr ein Vorzeichen des Siegs in jenem heiligen Tempel« Er gab ihnen darauf Geschenke mit, die sie an der heiligen Stätte darbringen S. 119 sollten, und sprach: »Wenn du, o Herr, mir zu Seite stehst und dies ungläubige Volk, das dir immerdar feind ist, in meine Hände zu liefern beschlossen hast, so laß dich gnädig herab, und zeige es mir an beim Eintritt in die Kirche des heiligen Martinus, auf daß ich erfahre, daß du mit deinem Diener sein willst« Die Diener eilten von dannen und, als sie nach dem Befehl des Königs zu der Stelle kamen und in die heilige Kirche traten, stimmte von ungefähr der Vorsänger das Lied an: »Du kannst mich rüsten mit Stärke zum Streit, du kannst unter mich werfen, die sich wieder mich setzen Du gibst mir meine Feinde in die Flucht, daß ich meine Hasser verstöre2.« Da sie das höreten, sagten sie dem Herrn Dank und versprachen Weihgeschenke dem heiligen Bekenner und verkündeten es froh dem Könige. Als dieser darauf zum Viennefluß mit seinem Heere kam, wußte er durchaus keinen Rat, wo er übersetzen sollte, denn der Fluß war vom Regen hoch angeschwollen. Und in der Nacht betete er zum Herrn, daß er ihm eine Furt zeigen möchte, wo er hindurchgehen könne. Da kam in der Frühe eine Hirschkuh von wunderbarer Größe herbei und ging vor ihren Augen auf Gottes Geheiß durch das Wasser, und er sah, daß, wo sie hindurchwatete, das Heer übersetzen könne3. Wie der König aber gegen Poitiers kam und noch in der Ferne im Lager verweilte, da sah er, wie ein Feuerglanz von der Kirche des heiligen Hilarius ausging und gleichsam zu ihm hinüberkam. Das» geschah, daß er um so schonungsloser, von dem Licht des heiligen Bekenners Hilarius geleitet, die ketzerischen Scharen niedermähen sollte, gegen welche dieser Bischof so oft für den Glauben gestritten hatte. Er verbot aber dem ganzen Heere, S. 120 weder dort noch auf dem Wege jemanden zu plündern pdkk ihm sein Gut zu rauben.
Es lebte zu jener Zeit im Rufe der Heiligkeit der Abt Maxentius, der aus Gottesfurcht seine Tage in strenger Abgeschiedenheit in seinem Kloster im Gebiet von Poitiers zubrachte. Den Namen des Klosters haben wir nicht besonders angegeben, weil es noch bis heute die Zelle des heiligen Max-entius genannt wird4. Als seine Mönche eine Abteilung Krieger sich dem Kloster nähern sahen, baten sie den Abt, er möchte aus seiner Zelle herauskommen und ihnen beistehen. Und als er zauderte, öffneten sie in ihrer Angst die Türe und führten ihn aus der Zelle. Unerschrocken ging er nun den Feinden entgegen, um Frieden zu erbitten. Doch einer von ihnen zog sein Schwert aus der Scheide, um sein Haupt zu treffen; als er aber die Hand bis zum Ohr erhob, erstarrte sie und das Schwert fiel rücklings herab. Er selbst stürzte zu den Füßen des heiligen Mannes nieder und bat um dessen Verzeihung. Da die andern das sahen, flohen sie voll großer Furcht zum Heere zurück, denn sie fürchteten, es möchte auch ihnen so schlimm ergehen. Den Arm jenes Mannes aber bestrich der heilige Bekenner mit geweihtem Oh machte das Zeichen des Kreuzes darauf und stellte ihn wieder her. So wurde durch seinen Schutz das Kloster erhalten. Auch viele andre Wunder vollführte er, und wer sie genau erfahren will, lese seine Lebensbefchreibung, da wird er sie alle finden5. Geschehen im fünfundzwanzigsten Jahre der Regierung Chlodovechs
Jnzwischen traf König Chlodovech mit dem Gothenkönig Alarich auf dem Felde von Vouillå zusammen, zehn Meilen von Poitiers6, und während der eine Teil den Kampf aus der S. 121 Ferne führte, widerstanden die anderen im Handgemenge Da aber die Gothen nach ihrer Art zur Flucht sich wandten, gewann endlich König Chlodovech unter Gottes Beistand den Sieg. Es stand aber ihm zur Seite ein Sohn Sigeberts des Hinkenden, mit Namen Chloderich, jenes Sigebert nämlich, der im Kampfe gegen die Alamannen bei Zülpich7 am Knie verwundet worden war und seit der Zeit hinkte. Der König verfolgte die Gothen und tötete ihren König Alarich: da traten ihm aber zwei Männer plötzlich entgegen und trafen ihn in beide Seiten mit ihren Speeren. Es rettete ihn nur sein Harnisch und sein schnelles Pferd vom sicheren Tode. Es kam daselbst eine große Menge Volks von Arvern um, das unter Apollinaris8 erschienen war, darunter fielen die vornehmsten Männer9. Aus der Schlacht floh Amalarich, Alarichs Sohn, nach Spanien und durch seine Tiichtigkeit erhielt er sich das Reich seines Vaters10. Chlodovech aber schickte seinen Sohn Theuderich über Albi und Rhodez nach Arvern; der zog durch jene Städte von den Grenzen der Gothen bis zu den Grenzen des Burgunderlandes und unterwarf sie alle der Herrschaft seines Vaters. Die Zeit von Alarich’s Herrschaft aber war 22 Jahre11.
Chlodovech brachte den Winter in Bordeaux zu, ließ den ganzen Schatz Alarichs von Toulouse fortschaffen und zog dann nach Angouläme Solche Gnade erwies ihm dort der Herr, daß die Mauern, als er sie anblickte, von selbst niedersanken. Darauf mußten die Gothen die Stadt verlassen, und er unter- S. 122 warf sie seiner Herrschaft. Dann kehrte er als Sieger nach Tours zurück und weihte viele Geschenke der heiligen Kirche des heiligen Martinus
Über einen früheren Westgvthetlkkkeg CHIOVVVEchS (496—498) Vgl— LEVIspU a a. O. 466 ff. ↩
Psalm IS, 40. 41. ↩
J« de! Gvtkjcngeschichte des Jordaues (XXIV, 123) zeigt eine Hirschkulj den TIERE? Ade« Dllskchgstlg durch das Llsottfsche Lllteerx andere Beispiele für die zlkerwcm . ng esselben lliotws be! Barth, Histoire pocstique des Mcsrovjugieus 275. ↩
Saintälliaixent (D6p. Deux-Såvres)s · » » ↩
Von den beiden Lebensbeschreibungen des Mklxeklkkllss DIE Wlk hEUkE VEsIBCTU geht wahrscheinlich keine mehr in die Zeit Gregors zurück. ↩
Etwa 15 Kilometer südlich von Po1tiers« ↩
Ob damit die oben Kap. 30 erwähnte Schlacht gemeint ist, bleibt fraglich. ↩
Apollinaris, der Sohn des Bischofs Apollinaris Sidonius, führte die Arverner im Kampfe. Vgl. über ihn Buch III. Kap. Z. ↩
»Senatoren.« ↩
Theoderich der Große führte die Vormundschaft über-ihn. Er sandte 508 ein Heer über die Alpen, und es gelang ihm, die südlichsten Teile Galliens von der Garonne bis zum Fuß der Pyrenäen dem Westgothenreiche zu erhalten. Die Provence nahm Theoderich selbst in Besitz. ↩
484——507. ↩
