7. Von dem Weibe des Aetius
Der Hunnenkönig Attila zog von der Stadt Metz ab und verheerte noch viele andere Städte Galliens. Er kam auch gegen Orleans und berannte es mit Sturmböcken, denn so gedachte er es zu erobern. Es war aber dazumal Bischof in dieser Stadt der heilige Anianus, ein Mann von ausnehmender Klugheit und ruhmwürdiger Heiligkeit, von dessen Wundertaten bei uns die Kunde getreulich bewahrt wird1. Und als das Volk in der Not der Belagerung sich zu ihm als seinem Bischof wandte und zu ihm rief, was es begönne, da setzte er sein Ver· trauen auf Gott und erinnerte sie alle, niederzusinken zum Gebet und unter Tränen anzurufen die Hilfe des Herrn, die bereit ist in allen Nöten. Und als sie nun flehten zum Herrn, wie er ihnen geboten hatte, da sprach er zu ihnen: »Nun sehet herab von der Stadtmauer, ob das Erbarmen des Herrn fchon zu unserer Hilfe nahe« Er wußte nämlich, Gott werde sich erbarmen und Aetius2 herbeieilen, zu dem er fchon früher nach Arles gegangen war, da er wohl ahnte, was da kommen werde. Sie sahen aber herab von der Mauer und erblickten niemand. Da sprach er: »Betet im Glauben, denn der Herr wird uns heute noch erlösen« Als sie aber beteten, sprach er: »Sehet euch abermals um.« Und als sie sich umsahen, entdeckten fis niemand, der ihnen Hilfe brachte. Er sprach aber zu ihnen zum drittenmal: »Wenn ihr betet und Glauben habt, so wird S. 69 der Herr bald bei euch fein« Und jene riefen unter vielen Tränen und Wehklagen die Barmherzigkeit des Herrn an. Und als ihr Gebet vollendet, sahen sie nach dem Gebot ihres greifen Bischofs zum drittenmal von der Mauer herab, und sie bemerkten, wie in der Ferne gleichsam eine Wolke von der Erde aufstiege. Da meldeten sie es dem Bischofe, und er sprach zu ihnen: »Das ist die Hilfe des Herrn« Indessen aber bebten schon die Mauern der Stadt von den Sturmböcken und drohten einzustürzen, siehe da erschienen Aetius und Theodor der Gothenkönig und Thorismod, sein Sohn, mit ihren Heeren vor der Stadt, warfen den Feind zurück3 und schlugen ihn in die Flucht Und als so die Stadt durch die Verwendung des heiligen Bischofs befreit war, verfolgten jene den fliichtigen Attila, der sich in der mauriacischen Ebene4 setzte und sich hier zum Kampfe rüstete. Als sie aber dies vernahmen, waffneten sie sich mit aller Macht.
Jn jenen Tagen kam das Gerücht nach Rom, Aetius fchwebe in größter Gefahr inmitten der feindlichen Scharen. Und als sein Weib dies vernahm, ging es voll Trauer und Vesorgnis fleißig in die Kirche der heiligen Apostel und betete dort, daß sie ihren Gemahl wohlbehalten wieder von dieser Reise zurückkehren sehen möchte. Während sie Tag und Nacht nicht abließ von diesem Gebet, geschah es, daß in einer Nacht ein armer Mensch, der vom Weine trunken war, in einem Winkel der Kirche des heiligen Apostels Petrus einfchlief. Und als die Pforten nach der Sitte geschlossen wurden, blieb er dort, von den Wächtern nicht bemerkt. Zur Nachtzeit aber erwachte er, siehe da leuchteten die Kerzen in der ganzen Kirche; es bangte ihn, und er suchte S. 70 den Ausgang, daß er von dannen käme. Er stieß an den Riegel der einen und der andern Türe, aber er fand alles verschlossen; da warf er sich auf den Boden, und zitternd und zagend erwartete er den Augenblick, wo er, wenn das Volk zur Frühmette zusammenkäme, erlöst werden würde. Jnmittelst aber sah er zwei Männer, die sich ehrerbietig einander grüßten und sich angelegentlich nach ihrem Ergehen befragten. Darauf hub der von ihnen, der der ältere war, so an: »Die Tränen, welche das Weib des Aetius weint, kann ich nicht mehr ansehen. Denn sie bittet ohne Unterlaß, daß ich ihren Gemahl aus Gallien wohlbehalten zurückführe, da doch anderes darüber in Gottes Rat befchlossen war. Indessen habe ich diese unendliche Gnade für sein Leben erwirkt. Und siehe, nun eile ich dorthin, ihn lebend von dort zurückzubringen. Wer aber dies vernommen hat, den beschwöre ich zu schweigen und möge er nimmer es wagen, Gottes Geheimnis zu verraten, denn sonst wird er schnell von der Erde genommen werden» Der aber, der es gehört hatte, konnte nicht schweigen, sondern sobald es Tag wurde, erzählte er alles, was er gehört hatte, seiner Hausfrau, und als er seine Rede vollendet, erblindeten seine Augen.
Aetius aber kämpfte mit den Gothen und Franken vereint gegen Attila. Und als dieser sah, daß sein ganzes Heer aufgerieben wurde, wandte er sich zur Flucht. JU dies« Schkachk fiel auch Theodor, der Gothenkönig. Es kann niemand daran zweifeln, daß nur durch die Verwendung des vorhin genannten Bischofs das Hunnenheer in die Flucht geschlagen wurde. DE! Patricius Aetius und Thorismod gewannen so den Sieg und vernichteten die Feinde. Und als der Kampf beendet war, sprach Aetius zu Thorismod: »Eile dich und kehre schnell zurück in dein Land, damit du nicht durch deinen Bruder um deines Vaters Reich betrogen werdest.«« Da jener dies hörte, ging et schUEll von dannen, um seinem Bruder zuvorzukommen und vor ihm S. 71 den Sitz des Vaters einzunehmen5. Durch eine ähnliche List entfernte Aetius auch den Frankenkönig6 Und als jene von dannen gezogen waren, fiel alle Beute auf dem Schlachtfelde ihm allein zu, und er kehrte als Sieger mit großem Gewinn in die Heimat zurück. Attila aber kam nur mit wenigen heim. Bald darauf wurde Aquileia von den Hunnen genommen, in Brand gesteckt und geplündert, auch Italien von ihnen durchstreift und verwüstet Thorismod aber, dessen wir oben gedachten, siegte im Kampfe über die Alanen, darauf aber wurde er selbst nach vielen Fehden und Kämpfen von seinen Brüdern7 besiegt und ermordet.
Wir besitzen nur noch eine jüngere Lebensbeschreibung des Heiligen; auf Bitten seines Nachfolgers Prosper hatte sich Apollinaris Sidonius an die Abfassung einer solchen gemacht, die Arbeit aber wieder aufgegeben Wgls fein? Vkkefe VIII« 15)· ↩
Flavius Aetius, der »letzte Römer« (geb. etwa 390-—-400, ermordet 454). jedenfalls die letzte große militärische und politische EkfchskUUUg Yes stckbendefj Westreiches, der bis dahin die Reste römischer Herrschaft in Gallten gegen DIE Gothen und andere Germanen gehalten hatte« Vgl— übe! Eh« Mommsens GCI Schriften lV, 531 ff. ↩
Nach dem eben zitierten Briese des Apollinaris Sidonius war dagegen di(Ctadt tschon SEUOMUIEIL aber noch nicht der Plünderung übergeben. ↩
Der carnpus Mauriacukk den Gregor hier erwähnt, ist nicht, wie man früher glaubte, bei Chälons, sondern bei Troyes zu suchen. ↩
Dasselbe erzählt Jordanes, Getica XLL 216. ↩
Derselbe ist weder oben, noch sonst irgendwo, namentlich gemacht oder näher bezeichnet. Bei der Sagenhaftigkeit aller Berichte über die ältesten Merooinger geht es auch nicht an, auf eine bestimmte Persönlichkeit zu raten. ↩
Theodorich und Fridericlx ↩
