45. Die drei Jünglinge im Feuerofen.
Ich frage nämlich, ob die israelitischen Jünglinge sich vor den Flammen des babylonischen Ofens gefürchtet haben, die genährt wurden, um den Brennstoff aufglühen zu machen, und ob in jenen Leib unserer Empfängnis1 die Angst vor einem so gewaltigen Feuer eingedrungen sei.2 Ich frage auch, ob sie Schmerz darüber erlitten haben, von den Flammen umwogt zu werden.
Doch leiden sie vielleicht deswegen nicht, weil der Brandschmerz sie nicht faßte; und man möchte dann glauben, den Flammen habe das Vermögen gefehlt, S. 199 Brandschmerz zu verursachen. Das war gewiß des Körpers Wesensart, vor Brandschmerz sich zu fürchten und für ihn empfänglich zu sein. Wenn irdische Körper, das sind solche, die durch die Grundvorgänge der gewöhnlichen Ursachen ihren Beginn überkommen haben, vermöge ihres Glaubensgeistes Brandschmerz weder zu erleiden noch zu fürchten vermocht haben, dann darf man also dasjenige, was durch den Glauben an Gott im Menschen gegen sein Wesen (möglich) ist, nicht für den gewöhnlichen Lauf der Dinge halten, wenn es in Gott gemäß der Kraft des Geistes entsprechend dem Ursprung des Wesens grundgelegt (und ermöglicht) wird. Die gefesselten Jünglinge sind inmitten des Feuers; das Feuer fürchten sie nicht, während sie umhergehen; die Flammen empfinden sie nicht, während sie beten; des Brandschmerzes sind sie nicht empfänglich, während sie im Feuer sind.
Damit haben die Körper und hat das Feuer sein Wesen verloren; denn jene erleiden keinen Brandschmerz, und dieses brennt nicht. Dennoch behält bei den übrigen Feuer und Leib das Wesen bei; denn die Umstehenden werden von der Flamme erfaßt, und der Dienst an der Strafe wird zur Strafe.
Falschgläubiger Irrlehrer, du willst nicht, daß beim Durchdringen des Nagels durch die Hände Christus keinen Schmerz empfunden und daß jene Wunde keine schmerzende Härte des durchstoßenen Speeres zur Empfindung gebracht habe. Ich frage, warum die Jünglinge die Feuersgluten nicht gefürchtet und nicht schmerzlich empfunden haben oder was für eine Wesensart ihre Leiber gehabt haben, daß sie die Wesensart des Feuers überstieg. Wenn jene aus Glut des Glaubens und aus Herrlichkeit seligen Bekennertums dasjenige nicht zu fürchten vermochten, was man gemeinhin fürchtet, dann sollte Christus aus Angst vor dem Kreuz traurig sein, der wegen des Kreuzes Gott bleiben und die Welt richten und König ewiger Zeiten sein würde, wenn er auch wie S. 200 im Ursprung unserer Mängel empfangen war? Und solchen Lohnes uneingedenk, sollte er in Bänglichkeit schmählicher Angst erzittern?
