69. Herabsteigen und Hinaufsteigen Christi.
Indem also der Apostel diese glaubensentstammte Gerechtigkeit in uns erwartet, hat er die irrgläubige Gefahr eines ungewissen und falschgläubigen Doppelsinnes beseitigt; er hat es verboten, die Achtsamkeit fürwitzigen Denkens in das Herz zuzulassen, dadurch, daß er auf die maßgebliche Äußerung eines Prophetenwortes hinwies. Er sagt nämlich: „Sprich nicht in deinem Herzen: Wer steigt in den Himmel empor?”1 Das ist ein Prophetenwort, und unter Deutung der gemeinten Auslegung fährt er fort: „das heißt, Christus hinabzuführen”. Denn die Reichweite des menschlichen Geistes erstreckt sich nicht bis hin zum himmlischen (= göttlichen) Wissen, aber auch über die göttlichen Handlungen ist rechter Glaube nicht im Zweifel. Christus bedurfte nicht der Hilfe menschlicher Kraft, um von dem Thron seiner Seligkeit durch die Hilfe von irgend jemandem, der in den Himmel emporstieg, in seinen Leib hinabgeleitet zu werden. Nicht äußere Macht hat ihn auf die Erde gebracht. Pflicht ist es zu glauben, er sei so gekommen, wie er gekommen ist; und wahre Frömmigkeit ist es, nicht das Herabgeführtwerden, sondern das Herabsteigen Christi zu bekennen.
Sein Geheimnis beruht einerseits in der (gewählten) Zeit, anderseits im Vollzug. Weder darf man glauben, er sei durch einen anderen herabgeleitet worden, weil er jetzt gekommen ist, noch auch darf man seine zeitliche Ankunft als der Macht des Herabführenden unterworfen ansehen.
Aber auch die Ungläubigkeit eines zweiten Zweifels wird nicht geduldet. Denn unmittelbar nach dem S. 226 Prophetenwort heißt es weiter: „Oder wer ist in die Tiefe hinabgestiegen?”. Und alsbald wird der Sinn des Ausspruches hinzugefügt: „das heißt, Christus von den Toten zurückzuführen”.2 Die Freiheit zur Rückkehr in den Himmel entstammt aus der Freiheit zum Herabsteigen auf die Erde. Zweifelndes Zögern ist aber beseitigt: Wissen gibt es im Glauben, Vernünftigkeit in der Wunderkraft, Auswirkung in der Wirklichkeit, Anlaß in der Macht.
