65. Fortsetzung.
Anderes weiß der Apostel nicht, noch auch hält er dafür, etwas anderes zu wissen. Wir aber, die wir schwachen Geistes und schwächeren Glaubens sind, wir S. 220 zerreißen Christus Jesus, zerteilen, verdoppeln ihn, wir als Richter der Geheimnisse und als Schmäher des verborgenen Geheimnisses. Ein anderer ist uns nämlich der gekreuzigte Christus, ein anderer Gottes Weisheit; ein anderer, der begraben wird, ein anderer, der herabsteigt; ein anderer der Menschensohn, ein anderer der Gottessohn. Ohne Erkenntnis lehren wir, ohne Wissen beweisen wir, als Menschen verbessern wir Gottes Worte. Für unter unserer Würde halten wir es, wie der Apostel so zu glauben: „Wer wird die Erwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der rechtfertigt; wer ist es, der verurteilt? Christus ist es, der gestorben, der aber auch auferstanden ist, der zur Rechten des Vaters sitzt, der für uns auch Fürbitte leistet.”1
Ist es etwa ein anderer, der für uns Fürbitte leistet, als wer zur Rechten Gottes sitzt? Oder ist derjenige, der zur Rechten Gottes sitzt, nicht auch derjenige, der auferstanden ist? Oder der auferstanden ist, ist er nicht derselbe, der gestorben ist? Oder der gestorben ist, ist er nicht derselbe, der verurteilt? Oder der verurteilt, ist er nicht derselbe, der als Gott rechtfertigt?
Trennen wir also, wenn es sein darf, von dem Gott als Rechtfertiger den Christus als verurteilenden Richter, von dem verurteilenden Christus den gestorbenen Christus, von dem gestorbenen Christus den Christus, der zur Rechten sitzt und für uns bittet! Wenn also dies alles der eine Christus ist; wenn nicht ein anderer Christus gestorben, ein anderer begraben ist; oder ein anderer zur Unterwelt hinabsteigt, ein anderer zu den Himmeln emporsteigt, nach jenem Apostelwort: „Was aber bedeutet sein Hinaufsteigen anders als dies, daß er zu den Tiefen der Erde hinabstieg? Wer hinabstieg, der ist es, der auch über alle Himmel emporstieg, um alles zu erfüllen”2: bis zu welcher Stufe unserer Falschgläubigkeit hin erstrecken wir das töricht-schwätzerische Nichtwissen, daß wir uns zu der Behauptung versteigen, S. 221 es könne von uns erklärt werden, was im Geheimnis Gottes verborgen ruht?
„Wer hinabstieg, der ist es auch, der hinaufstieg.” Zweifelt man etwa daran, daß Jesus Christus als Mensch von den Toten auferstand, über alle Himmel emporstieg und zur Rechten Gottes sitzt? Wird man etwa behaupten, zur Unterwelt sei der Leib hinabgestiegen, der im Grabe geruht hat? Wenn also eben der hinaufstieg, der auch hinabstieg, und wenn man auch nicht glaubt, der Leib sei zur Unterwelt hinabgestiegen, und wenn es kein Zweifel ist, der von den Toten auferstandene Leib sei zum Himmel aufgestiegen: was für ein anderer Glaube bleibt da übrig als der an das verborgene Geheimnis, das der Welt und den Fürsten der Zeit verborgen ist? Dieser Glaube, daß, da es einer und derselbe ist, der hinabsteigt und hinaufsteigt, es für uns nur einen Jesus Christus gibt, als Gottessohn, als Menschensohn, als Gott-Wort, als Mensch-Leib; er, der gelitten hat, gestorben, begraben, auferstanden ist, der in den Himmel aufgenommen ist und zur Rechten Gottes sitzt; er, der in sich als einem und demselben, durch Fügung und Wesen, in Gottes Gestalt und Knechtes Gestalt3 besteht, ohne irgendeine Trennung seiner selbst, weil er Mensch, und ohne Teilung, weil er Gott ist?
