70. Der Glaube muß zugleich des Herzens und des Mundes sein.
Aber dazu braucht man ein nicht-schwankendes Wissen. Der Apostel schöpft nämlich das ganze Geheimnis der Schrift aus mit seinem Wort: „Nah ist dein Wort in deinem Mund und in deinem Herzen.”1 Es bedarf nicht eines späten und weit hergeholten Bekenntniswortes, auch nicht des Verbleibens eines Zwischenraumes zwischen Herz und Mund, um durch falschgläubigen Doppelsinn zu denken, was zur Bekundung rechter Lehre gesagt werden muß. Es muß vielmehr uns sowohl nah als auch in uns sein, damit, wegen einer Zeitspanne zwischen dem Bereich des Herzens und des Mundes, der Glaube etwa nicht so im Empfinden sei wie in den Worten; er soll vielmehr, dem Herzen und Mund verbunden, ein unverzögertes Bekenntnis des Empfindens und Sprechens besitzen.
Wie bei den übrigen, so hat der Apostel (auch hier) den Sinn dieses Prophetenwortes hinzugefügt: „Dies ist das Wort des Glaubens, das wir verkünden. Wenn du nämlich mit deinem Munde bekannt hast, daß Jesus Herr ist, und in deinem Herzen daran geglaubt hast, daß Gott ihn von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet werden.”2 Frömmigkeit ist es, nicht zu zweifeln; Gerechtigkeit, zu glauben; Heil, zu bekennen. Nicht in Ungewisses sich zu verlieren, nicht zu törichtem Gerede sich zu erhitzen, nicht mit einiger Vernünftigkeit S. 227 die Machterweise Gottes hin und her zu bereden, nicht mit einem Maß die Macht zu umschreiben, nicht die Ursprünge unerforschlicher Geheimnisse aufzuspüren, (sondern) den Herrn Jesus zu bekennen und an seine Auferweckung von den Toten durch Gott zu glauben: das ist das Heil.
Was für ein Wahn aber ist es, darüber zu schmähen, wer und welcher Art Jesus sei, da dies allein das Heil ist, nur das zu wissen, daß er Herr ist? Was für ein Wahn menschlicher Einbildung ist es dann ferner, wegen seiner Auferstehung Zwist zu erregen, da doch zum Leben der Glaube genügt, er sei von Gott auferweckt? In der Einfalt also besteht der Glaube, im Glauben die Gerechtigkeit, im Bekenntnis die Frömmigkeit. Nicht durch schwierige Fragen hindurch ruft uns Gott zum seligen Leben und beunruhigt uns nicht durch das Vielerlei wortreicher Beredsamkeit. Unerschütterlich und leicht zugänglich ruht uns die Ewigkeit: an die Erweckung Jesu durch Gott zu glauben und ihn als den Herrn zu bekennen. Niemand also möge, was wegen unseres Nichtwissens gesagt wurde, als Anlaß zur Falschgläubigkeit sich aneignen. Denn Jesus Christus mußte als gestorben erkannt werden, damit wir in ihm leben können.
