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[Forts. v. S. 16 ] Bald nämlich verheimlichen wir in sklavischer Gesinnung unsere Sünde und verbergen sie wie ein eiterndes, bösartiges Geschwür in der Tiefe unserer Seele, gleich als könnten wir, wenn wir den Menschen verborgen bleiben, auch dem scharfblickenden Auge Gottes und seiner Gerechtigkeit entrinnen. Bald haben wir Entschuldigungen für unsere Sünden und erfinden Ausreden für unsere Leidenschaften. Bald verschließen wir unsere Ohren „gleich tauber Otter, die ihre Ohren verstopft1“, wollen nicht die Stimme der Beschwörer hören und nicht mit weisen Heilmitteln die kranke Seele kurieren lassen. Bald setzen wir uns, wenn wir zu den Frecheren und Kühneren gehören, „mit bloßem Kopfe“, wie man zu sagen pflegt, über Sünde und Seelenarzt offen hinweg, um uns in völlige Lasterhaftigkeit hineinzustürzen. Welcher Wahnsinn! Oder welche Bezeichnung paßt besser für solche Leidenschaft? Diejenigen, welche wir als unsere Wohltäter lieben sollten, stoßen wir zurück, als wären sie unsere Feinde, „wir hassen die, welche uns am Tore zurechtweisen, und verabscheuen heilige Rede2“. Wenn wir uns selbst möglichst schaden, meinen wir die, welche uns wohlwollen, noch mehr zu treffen; wir gleichen denen, welche, um den Nächsten aufzufressen, sich am eigenen Fleische vergreifen.
