13. Von Chramn, Cautinus und Firminus
Chramn hatte in diesen Tagen seinen Sitz, zu Arvern Er trieb es unverantwortlich, und deshalb mußte er vor der S. 194 Zeit die Welt verlassen1; denn vielfach lastete auf ihm der Fluch des Volks. Keinen Menschen liebte er, von dem er einen guten und heilsamen Rat hören konnte, nur schlecht gesinnte, lockere Gesellen von jungen Jahren sammelte er um sich; die schätzte er allein und hörte ihren Rat. Selbst Mädchen aus vornehmen römischen Familien2 wurden auf Grund von Verordnungen, die er gab, ihren Eltern entrissen.
Auch Firminus beleidigte er schwer, nahm ihm die Graf« schast der Stadt und setzte den Salustius, den Sohn des Evodius, an seine Stelle. Aber Firminus flüchtete sich mit seiner Schwieger in die Hauptkirche3. Es war damals grade die Fastenzeitz und der Bischof Cautinus hatte beschlossen, unter Chorgesängen nach dem Kirchspiel von Brioude zu ziehen, nach jener Anordnung des heiligen Gallus, von der wir weiter oben gemeldet haben4. Der Bischof zog also aus der Stadt, aber unter vielem Seufzen, denn er fürchtete, es möchte ihm etwas Übles auf dem Wege begegnen. König5 Chramn hatte nämlich gegen ihn Drohungen ausgeftoßen. Und da jener auf dem Wege war, schickte der König den Jmnachar und Scapthar, die ersten in seinem Gefolge, und sagte: »Gehet und schafft mir mit Gewalt Firminus und seine Schwieger Cäsaria aus der Kirche.« Als nun der Bischof mit dem Chor, wie wir oben erzählt haben, fortgezogen war, betraten die Boten des Chramn die Kirche und versuchten durch mannigsache listige Reden das Vertrauen des Firminus und der Cäsaria sich zu gewinnen. Als sie so lange in der Kirche umherwandelnd« von dem einen auf das andere im Gespräch verfallen waren, und die Flüchtlinge aufmerksam auf alles hörten, was jene sagten, näherten sie sich unvernierkt den Turen der Kirche, die gerade geöffnet waren. Darauf ergriffen Jmnachar den Firminus, Scapthar die Cäsaria bei den Armen und schleppten sie aus der Kirche, wo sie sogleich Leute, die schon dort bereit standen, i« Empfang nahmen. Sie wurden sofort in Hast gebracht. Aber am anderen Tage, als ihre Wächter in Schlaf oersunken waren, und sie sich unbewacht sahen, flohen sie zur Kirche des heiligen Julianus und wurden so aus der Haft befreit. Jhr Hab nnd Gut wurde jedoch für den königlichen Schatz eingezogen.
Der Bischos Cautinus aber, der ein gesatteltes Pferd auf dem Wege mit sich führte, da er fürchtete, daß auch ihm etwas Übles widerfahren könnte, sah plötzlich in seinem Rücken Leute zu Pferde kommen, die auf ihn zueilten. Da rief er laut:
»Weh mir, da sind sie, die Chramn abgesandt hat, um mich zu ergreifen« bestieg das Pferd, ließ den Chor hinter sich, und seinem Rosse beide Sporen einsetzend, gelangte er allein halbtot in den Säulengang der Kirche des heiligen Julianus —— Da ich dies erzähle, fällt mir ein Wort des Sallustius bei, welches er gegen solche gerichtet hat, welche die Geschichtschreiber angreisen. Er sagt nämlich: »Scl)wierig scheint es, Geschichte zu schreiben, einmal, weil die Tat durch das Wort wiedergegeben werden muß, dann aber auch, weil die meisten die Meinung hegen, was man als Vergehen tadelt, führe man nur aus Übelwollen und Abneigung an6.« Aber wir wollen zu unserer Geschichte zurückkehren.
Vgl. unten Kap. 20. ↩
»Töchter von Senatoren.« s » ↩
Die Kirche war Freistätte, aus der niemand mit Gewalt vertrieben werden durfte. Vgl. über dieses aus römischer Zeit überkommene Asylkskklk VkUUUeks Deutsche Rechtsgeschichte I1, 610 f. ↩
Vgl. oben Kap. 5. » » » . ↩
Die Söhne der regierenden Könige werden öfters ebenfalls KVMSQ W« VI« Töchter Königinnen, genannt. ↩
Worte des Sallust im Catilina Kap. 3. ↩
