51. Vom Tode König Sigiberts
Jn diesem Jahre sah man einen hellen Schein über den Himmel laufen, wie wir es einst vor dem Tode Chlothars bemerkten1.
Sigibert drang, nachdem er die Städte genommen hatte, die diesseits Paris lagen, bis nach Rouen vor und wollte jene Städte den Feinden2 zur Plünderung überlassen, aber die Seinigen verhinderten ihn, dies zu tun. Darauf kehrte er zurück und zog in Paris ein. Hier kam auch Brunichilde zu ihm mit ihren Kindern. Alsbald schickten dann auch die Franken, die einst Childebert zu ihrem Herrn gehabt hatten, eine Gesandtschaft an Sigibert und luden ihn ein, er möchte zu ihnen kommen, sie wollten Chilperich absetzen, und ihn zum König über sich erheben. Er aber schickte, da er das hörte, Leute ab, die seinen Bruder in der genannten Stadt3 belagern sollten, auch wollte er selbst sich dorthin begeben. Der heilige Bischof Germanus sprach aber zu ihm: »Gehst du fort und trachteft deinem Bruder nicht nach dem Leben, so wirst S. 251 du lebend und siegreich heimkehren, wenn du aber andre Gedanken im Sinne hegft, so wirft du selbst umkommen. Denn so spricht der Herr durch Salomon: ,Wer seinem Bruder eine Grube macht, der wird darein fallen4.«« Aber Sigibert versäumte es nach seiner Sünden Schuld, auf diese Worte zu achten. Und als er nach dem königlichen Hofe kam, der Vitry5 genannt wird, sammelte sich um ihn das ganze Heer der Franken, hob ihn auf den Schild6 und erwählte ihn sich zum König. Es drängten sich aber zwei Dienstleute, die waren von Fredegunde berückt, an ihn, als ob sie ihm eine Sache vorzutragen hätten, und stießen ihm in jede Seite ein tüchtiges Messer — Scaramasax7 wie man es zu nennen pflegt —, das in Gift getaucht war. Da schrie er laut auf, stürzte zusammen und hauchte nicht lange danach den letzten Atem aus.
Dort kam auch Eharegifel, sein Kämmerer, um, und Sigila, der einst aus Gotenland gekommen war, wurde arg zugerichtet. Später wurde dieser Sigila von Chilperich gefangen genommen, und ihm mit glühenden Eisen die Glieder gezwickt und Stück für Stück abgerissen. So endete er auf eine fchreckliche Weise sein Leben. Eharegisel aber war ein Mann, ganz unbedacht sonst in seinem Lebenswandel, aber sehr bedacht daraus, sich zu bereichern. Ganz von unten aufsteigend, war er durch sein kriechendes Wesen zu großem Ansehn beim König gelangt. Er trug immer S. 252 Begier nach anderer Gut und erbrach ihre Testamente8 Endlich aber kam er so um das Leben, daß ihm nicht Zeit blieb, seinen eigenen Willen im Angesicht des Todes aufzusetzen, nachdem er so oft den letzten Willen anderer vereitelt hatte.
Chilperich war noch voll Unruhe über sein Schicksal und wußte nicht, ob er würde entkommen können oder seinen Untergang finden sollte, da kamen Gesandte zu ihm und meldeten ihm den Tod seines Bruders9. Und alsbald verließ er Tournay mit seinem Weibe und seinen Söhnen, hüllte seinen Bruder in Leichengewand und beerdigte ihn in dem Dorfe Lambres10. Von hier wurde Sigibert nachher nach Soissons in die Kirche des heiligen Medard gebracht, welche er selbst gebaut hatte, und neben seinem Vater Chlothar begraben. Er starb im vierzehnten Jahre seiner Herrschaft, in einem Alter von 40 Jahren.
S. 253 Von dem Heimgange des älteren Theudebert bis zum Ende Sigiberts rechnet man 29 Jahre11 ZWkschEU feinem Ende ab« und dem seines Neffen Theudebert verflossen nur 18 Tage. Nach Sigiberts Tode kam sein Reich an seinen Sohn Childebert
Von Anfang der Welt bis zur Sündflut . . 2242 Jahre. Von der Sündflut bis Abraham . « . 942 » Von Abraham bis zum Auszug der Kinder Jsrael
aus Ägypten. . . . . . . . . . 462 » Vom Auszug der Kinder Jsrael aus Agypten
bis zum Bau des Tempels Salomos . . . 480 » Vom Bau des Tempels bis zu seiner Zerstörung
und der babylonifchen Gefangenschaft . . . 390 » Von der Gefangenschaft dann bis zum Leiden
desHerrn 668 » Vom Leiden des Herrn bis zum Heimgange des
heiligen Martinus . . . . . . . . . 412 » Vom Heixmgange des heiligen Martinus bis zum
Tode König Chlodovechs . . . . . . . 112 » Vom Tode König Chlodovechs bis zum Tode
Theudeberts . 37 »
Vom Tode Theudeberts bis zum Ende Sigiberts 29 ,. Das find zusammen 5774 Jahre.
Hier endet das vierte Buch.
Das Register wird für das vollständige Werk bearbeitet und dem Schlußbande beigegeben.
Von dieser Himmelserscheinung findet sich oben nichtsz dagegen ekWähUk Gregor in De cursu stellarum Kap. 34 einen Kometen, der vor Sigiberts Tod erschienen sei. ↩
Den überrheinischen Stämmen. Vgl. Kap. 49. ↩
Tournay (vgl. Kap. 50). ↩
Sprüche 26, 27. Pred. Sal. 10, 8. Nicht wörtlich von Gregor angeführt. ↩
Zwischen Douai und Arras an der Scarpe. ↩
Vgb B. II. Kap. 40. Seite 124. Anm. 2. ↩
Seramasaxi bei Gregor: die erste Hälfte des Wortes hängt mit »Schramme« zusammen, das ursprünglich nicht, wie heute, eine leichte Verletzung, sondern eine TCUSE fchmale Fleischwunde, ja jede Wunde überhaupt bezeichnet (vgl. Grimm, Deutsches WB. IX, 1628), sahe ist die althochdeutsche Bezeichnung für Messer, also CTSCUIUch »WUUdmesser«, d. h. ein zum Hervorbringett von Wunden besonders geEigUEtes Messer. Jn der Neuschöpfung des Wortes spricht sich ein Fortfchritt der Technik aus. ↩
Testamentorum sitt-toter. Ekkractor ist ein Torminus technicus der römischen Jurisprudenz, mit dem diese den Einbrecher bezeichnet. Gegenüber der mittelalterlichen Urkunde, die b esiegelt wird, hätte die Anwendung dieses Ausdrucks keinen Sinn gehabt, sie konnte zur Anwendung kommen nur gegenüber dem altrömischem durch die Zeugen versiegelten Testament, von dessen Fortbestehen wir auch sonst wissen; vgl. Breßlau, Urkundenlehre I, 513, Brunnen Deutsche Eli-G. I (2. Aufl.) 564 Anm. 2. Auch hier ist Gregor ein Zeuge für das Fortleben antiker Institutionen. ↩
Den plötzlichen Wechsel in ChilperichsSchicksal schildert Fortunatus in einem Gedicht an diesen König (1x, 1, V. 41ff.). Hier heißt es, nachdem das frühere Glück Chilperichs gepriesen ist: Aber es wandte sich schnell das Geschick, voll neidischen Sinnes, Floh dich und störte des Reichs Frieden und Ruhe und Glück, Nahm dir die Herzen des Volks und löste das Bündnis der Brüder, Doch da Verderben es sann, brachte es Glück dir und Gunst. Schwebte doch nah die Gefahr schon übe! dem HUUPT DIE» DE! bannte Dir die Stunde den Tod, der du zum Opfer bestimmt. Dich umfingen schon rings und hielten die Waffen des Todes, Da, Gott wollte es so, wandte den Stahl das Geschkcks Schda am Rande des Grads kehrst froh du zum Leben; der Tage Erster wird dir der Tag, der dir zum letzten bestimmt. Als die feindliche Wut verderbliche Kriege dir schürte, Wider der Waffen Gewalt kämpfte der Glaube für dich, Ohne dich siegten im Streit die Mächte, die glücklich dich schüttete Und der erhabene Thron strahlte im früheren Glanz ↩
Lambres liegt zwischen Cambrai und Arras an der Scarpe ↩
Wenn Theudebert i. J. 548 starb, find nur 27 Jahre zu zählen. ↩
