16. Von Chramn, seinen Gefährten und seinen Freveln
Ehramn führte zu Arvern, wie wir schon oben1 erzählt haben, viele böse Dinge aus, und hegte ewig Mißgunst gegen den Bischof Eautinus. Zu jener Zeit erkrankte er aber schwer, so daß die Haare ihm infolge eines hitzigen Fiebers vom Haupte fielen. Er hattejdamals um sich einen herrlichen und in allen guten Dingen ausgezeichneten Mann, mit Namen Ascovind, einen Bürger von Arvern, der suchte ihn mit Gewalt von seinem schandbaren Benehmen abzubringen, aber es gelang jihm nicht. Denn er hatte auch einen andren Mann in seiner Nähe, Leo S. 199 mit Namen, von Poitiers, der war ihm ein heißer Sporn zu jeder bösen Tat. Denn nach seinem Namen war er gleichsam wie ein Leu unersättlich in aller Begehrlichkeit Dieser soll einstmals gesagt haben, daß die Heiligen Martinus und Martialis, die Bekenner des Herrn, nichts hinterlassen hätten, was dem königlichen Schatz etwas abwürfe Doch traf ihn sogleich die Macht der Bekenner des Herrn, er wurde taub und stumm, und starb im Wahnsinn. Es war freilich der Elende nach Tours zu der Kirche des heiligen Martinus gekommen und hatte dort unter Gebeten die Nachtwache gehalten und Gescheiike dargebracht, aber die so oft erprobte Wunderkraft des Heiligen hatte sich seiner nicht erbarmt. Denn eben so krank, wie er gekommen war, ging er von dannen.
Chramn verließ darauf Arvern und ging nach der Stadt Poitiers. Da er hier mit großem Prunk Hof hielt, suchte er, durch den Rat böser Menschen verführt, zu seinem Oheim Childebert überzutreten und trachtete danach, seinem Vater Nachstellungen zu bereiten. Jener versprach ihm auch, obwohl in heimtückischer Absicht, ihn unter seinen Schutz zu nehmen, da er ihn hätte vielmehr geistlich ermahnen sollen, daß er nicht als Feind sich gegen seinen Vater erheben dürfe. Darauf verständigten sie sich untereinander durch heimlich abgesandte Boten und ver« schwuren sich einmütig gegen Chlothachar Und Childebert gedachte nicht daran, daß, so oft er gegen seinen Bruder etwas im Schilde führte, er immer nur mit Schande davonkanr
Chramn aber kehrte, als der Bund geschlossen war, nach Limoges zurück und brachte alles, was er früher in seines Vaters Reiche bereist hatte, nun unter seine eigne Gewalt2 Damals wurde die Bürgerschaft von Arvern in ihren Mauern belagert und von mannigfachen Krankheiten heimgesucht, welche die Stadt lkrt mitnahmen Danach sandte König Chlothachar seine beiden S. 200 Söhne Charibert und Gunthramn gegen Ehramn in das Feld. Und da sie durch Arvern kamen und hörten, daß er zu Limoges sei, zogen sie bis zu dein Berge, welcher der Schwarze genannt wird3, und fanden ihn dort. Da schlugen sie ihr Lager auf. Und als sie ihm hier gegenüber lagen, schickten sie Gesandte an ihn, er solle des Vaters Eigentum, das er mit Unrecht sich angeeignet, herausgegeben; wo nicht, solle er sich zum Kampfe rüsten4. Jener aber stellte sich, als ob er seinem Vater untertänig sei, und sagte: »Von dem, was ich umritten habe, kann ich nichts mehr aus meinen Händen lassen, aber ich wünsche es mit der Genehmigung meines Vaters in meiner Gewalt zu behalten« Da verlangten sie, der Kampf solle zwischen ihnen entscheiden. Alsbald brachen beide Heere auf, und als sie mit großer Kriegesmacht zum Treffen aufeinander losgingen, erhob sich plötzlich ein gewaltiges Unwetter mit fürchterlichen Blitzen und Donnern und hinderte sie am Schlagen. Sobald sie aber in das Lager zurückkehrtem ließ Ehramn voll Hinterlist durch eine fremde Person seinen Brüdern den Tod des Vaters melden. Zu jener Zeit nämlich wurde gerade der Krieg gegen die Sachsen geführt, von dem wir schon oben erzählt haben5. Da ergriff jene Furcht, und sie kehrten in größter Eile nach Burgund zurück. Chramn aber setzte mit seinem Heere ihnen nach, und kam zur Stadt Ehälon6, belagerte und eroberte sie. Darauf schlug er sein Lager vor Dijon auf, und was sich dort, als er an einem Sonntage eintraf, begab, will ich erzählen.
Es lebte dort der heilige Bischof Tetricus, dessen wir oben in einem früheren Vuche7 Erwähnung taten. Die Geistlichen S. 201 legten aber damals drei Bücher auf den Altar, die Propheten nämlich, den Apostel und die Evangelien8, und flehten zu Gott, er möge ihnen cnthüllen, welchen Ausgang es mit Ehramn haben würde; ob ihm das Glück günstig sein und er gar das Reich gewinnen würde, möge die göttliche Allmacht ihnen offenbaren9 Sie bestimmten dabei zugleich, ein jeder solle, was er zuerst in dem Buche aufschlüge, auch bei der Messe lesen. Als nun das erste der prophetischen Bücher aufgeschlagen wurde, fanden sie die Worte: »Seine Wand soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde. Warum hat er denn Heerlinge gebracht, da ich wartete, daß er Trauben brächte10.« Und als sie das Buch des Apostels aufschlagen, fanden sie: »Denn ihr selbst wisset gewiß, daß der Tag des Herrn wird kommen, wie ein Dieb in der Nacht. Denn wenn sie werden sagen: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen, gleichwie der Schmerz eine schwangere Frau, und werden nicht entfliehen11.« Der Herr aber sprach durch das Evangelium:
»Und wer diese meine Rede höret und tut sie nicht, der ist einem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute. Da nun ein Platzregen fiel und kam ein Gewässer und weheten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall12.« Chramn aber kam bis zu den Kirchen S. 202 vor dem Tor13 und wurde dort von dem genannten Bischof auf. genommen, er aß dort das geweihte Brot14 und eilte dann zu Childebert. Man erlaubte ihm nicht, die Mauern von Dijon zu betreten.
Der König Chlothachar focht aber damals tapfer gegen die Sachsen. Diese nämlich zogen, wie man sagt, von Childebert aufgewiegelt und noch vom vorigen Jahre her zornentbrannt gegen die Franken, aus ihren Sitzeiy kamen über das Frankenland15 und verheerten alles bis zur Stadt Deutz hin. Sie vollführten dort schwere Frevel über die Maßen.
über die Wunder des heiligen Martin (1, 5) ist eine Quellesdafiin
Kap. 13. ↩
Indem er seinen Umritt als König hielt. Vgl. S, 196 Luxus· z· Gefchkchtschreibey Bd. 8. Gregor von Tours, I, 4. Aufl. 17 ↩
saintsGkeorges Nigremont (De«p. Creuse). ↩
Vgl. Blum. 2 auf S. 101. ↩
Kap. 14. ↩
Chälon-sur-Sa6ne. » ↩
Gregor hat Tetricus oon Langres bisher nicht erwähnt; in seinem Wer! »Über den Ruhm der Bekenner« ioollte er ihm, wie der Judex zeigt, das 107. Kapitel widmen, allein in den Handschriften ist dieses mit zwei anderen ausgesalleir Vielleicht denkt Gregor an sein Buch von dem Leben der Väter, wo er (V1I, 4) den genannte Heiligen als Sohn und Nachfolger des heiligen Gregorius erwähnt. ↩
Die Propheten des kalten Testaments, die apostolischen Briefe, »der Apostel genannt, und das Evangelienbuch. Es war damals noch Sitte, fbei der Messe aus je einem dieser drei Bücher einen Text zu lesen. Gregor selbst mit seinem Buche ↩
Die folgende Sitte der Sorte-s, das »Däumelns« — die Stelle beim Aufschlagen des heiligen Buches, auf die der Finger gerade deutet, soll ein Orakel abgeben —— wird in der Antike z. B. an Virgil geübt und geht dann auf Idie Christen UND— Vgl— V· Dobfchütz Ü! de! Recllellclstlvpädie für protestantische Theologie und Kirche XVIII, 537 ff. ↩
Jesaias 5, 4. 5. ↩
1 Thefsalotv b, L. Z. ↩
Matth 7, 26. 27. ↩
Die eine davon war die Kirche des heiligen Benignus . ↩
Panem come-drang. Es ist wohl nicht das Abendmahl gemeint, sondern die sogen. Eulogien, von denen bei Gregor so häufig die Rede 1st(vgl. z. B. unten Kap. 35, Buch VI1I, Katz. 2), gesegnetes Brot, d. h. das zum Opfer dargebrachte Brot, von dem die Hostie genommen wird, oder gesegnetes Brot, das Geistliche, namentlich Bischöfe, andern Personen zum Zeichen der Gemeinschaft uberretchten oder zusandten. ↩
Vgl. oben S. 195, Blum. 2. ↩
