31. Von der Burg Tauredunum und andern Wunderzeichen
Es trug sich aber in Gallien ein großes wunderbares Ereignis mit der Burg Tauredunum zu1. Sie lag über der Rhone auf einem Berge, und als man in diesem mehr denn sechzig Tage lang ein ungewöhnliches Getöse vernommen hatte, trennte und teilte er sich endlich von einem andren ihm nah gelegenen, und stürzte mit den Menschen, Kirchen, Schätzen und Häusern in den Fluß; und da hierdurch das Bett des Flusses gesperrt war, lief das Wasser stromaufwärts Die Stelle war aber auf beiden Seiten von Bergen eingeschlofsen, und durch die Schlucht zwischen denselben stürzte sich der Fluß. Jndem er nun austrat, überschwemmte und verheerte er die oberen Gegenden am Ufer. Hierauf staute sich das Wasser hoch auf und floß dann wieder abwärts. Es überrafchte auch hier die Bewohner, ehe sie es vermuteten, wie oberwärts, begrub sie in VEU Fluten, stürzte die Häuser um, ertränkte das Viel) und verschlang oder unterwühlte durch seinen gewaltigen und plötzi lichen Andrang alles, was am Ufer war, bis nach der Stadt Genf hin. Man erzählt, daß dort die Wassermasfe so groß gewesen sei, daß sie in die Stadt über die Mauern strömte. Und dies ist nicht zu bezweifeln, da, wie wir erzählt S. 220 haben, die Rhone an jenen Stellen in einer Bergschlucht flikßk und zur Seite, wenn sie gesperrt wird, keinen Ausweg hat, und weil sie, als jener Berg sich gelöst hatte und einstürzte, ihn mit einem Male durchbrach und so alles verheerte2
Als dies geschehen war, kamen dreißig Mönche zu der Stelle, wo die Burg herabgestürzt war, und da sie den Boden durchgruben, der noch von dem eingesunkenen Berge zurück. geblieben war, stießen sie auf Erz und Eisen. Als sie noch bei der Arbeit beschäftigt waren, hörten sie abermals das Brausen im Berge, wie es früher gewesen war. Aus unsinniger Habsucht blieben sie aber; da stürzte auch jener Teil, der noch nicht herabgesunken war, über sie zusammen, verschüttete und tötete sie, und es ist nichts weiter von ihnen gefunden worden.
Auf gleiche Weise gingen auch große Wunderzeichen der Pest in Arvern vorher und setzten jene Gegend in Schrecken. Denn häufig sah man um die Sonne einen dreiuud vierfachen hellen Schein, den die gemeinen Leute auch Sonne nannten, und sagten: »Sehet, am Himmel sind drei oder vier Sonnen« Einmal aber, und zwar am 1. Oktober, war die Sonne so verfinstert, daß nicht einmal der vierte Teil derselben seinen Glanz behielt3: düster und farblos sah sie aus, wie Sack und Asche4 Ferner wurde auch ein Stern, den man Komet nennt, in dieser Gegend das ganze Jahr hindurch gesehen, mit einem Schweif, gleich wie ein Schwert, und man sah den Himmel brennen, und S. 221 viele andere Zeichen wurden beobachtet. Jn der Hauptkirche zu Arvern löschte, als an einem Festtage die Frühmette gehalten wurde, eine Lerche5, welche hineingeflogen war, alle Kerzen, die da brannten, mit ihren Flügeln mit solcher Schnelligkeit aus, daß man hätte glauben sollen, jemand habe sie alle in der Hand gehabt und in Wasser getaucht. Auch in den Altarraum wollte sie durch den Vorhang hineinfliegen und die Lampe auslöschen6, aber sie wurde von den Türhütern daran gehindert und getötet. Ähnliches tat ein anderer Vogel mit den brennenden Kerzen in der Kirche des heiligen— Andreas.
Als aber die Pest ausbrach, richtete sie eine solche Verheerung unter dem Volke in jener ganzen Gegend an, daß nicht einmal berechnet werden kann, wie viele Tausende .daran umgekommen sind. Denn als es an Särgen und Brettern zu fehlen anfing, begrub man in einer Grube zehn und selbst mehr bei einander. Es wurden an einem Sonntage in der Kirche des heiligen Petrus allein dreihundert Leichen gezählt. Der Tod überfiel die Menschen ganz plötzlich. Nachdem sich in den Weichen7 oder unter der Achsel eine schlangenförmige Geschwulst gebildet hatte, wurde der Mensch von dem Gifte derselben so schnell ergriffen, daß er schon am zweiten oder dritten Tage den letzten Atem aushauchte. Auch die Besinnung raubte die Kraft jenes Giftes dem Menschen.
Damals starb auch der Priester Cato8. Denn er verließ, obgleich viele sich vor der Seuche geflüchtet hatten, niemals seinen Platz, begrub die Toten und las für einen jeden Messen. Dieser Priester war überhaupt ein Mann von großer Menschlichkeit und S. 222 nahm sich der Armen sehr an. Dies hat ihm, wie ich glaube, wenn er auch sonst voll Hochmut war, zur Rettung seiner Seele geholfen. Bischof Cautinus kehrte endlich auch, nachdem ex a» vielen Orten herumgezogen war, um der Krankheit zu entgehen, nach der Stadt zurück, da befiel ihn dasselbe Geschick wie jene, und er starb am Leidenstage unsers Herrn. Zu derselben Stunde starb auch sein Vetter Tetradius Damals wurden auch Lyon, Bourges, Chälon und Dijon durch die Seuche sehr entvölkert.
20 Meilen Breite setzte er so in Bewegung, daß er auf beiden Seiten austrat und die ältesten Ortschaften verheerte, Menschen und Vieh fortriß, auch viele heilige Orte mit ihren Bewohnern zugrunde richtete, die Brücke von Genf, die Mühlen und auch viele Menschen gewaltsam fortführte, und sogar in die Stadt Genf eindrang, wo viele Menschen in den Wellen ihr Grab fanden.«
DE! V« Ist Ukchk Mehr vorhanden, er lag in Wams, unsern vom Genfersee. ↩
Dies Ereignis wird auch in der Chronik des Marius (Vgl. S. 188. Anm. s) erwähnt, wo es heißt: »Jn diesem Jahre (563) stürzte auch der hohe Berg von Tauredunum im Walliserland so plötzlich ein, daß er die nahe gelegene Burg und die Dörfer mit ihren Bewohnern verschüttete, und den See von 60 Meilen Länge und ↩
Die von Gregor erwähnte Finsternis fand am 23. Sept. 564 statt. ↩
Vgl. Jess Sir. 25, A. ↩
Gregor bezeichnet die Gattung des Vogels näher, er nennt sie corydalus CKUPPEUIEVTHEB fEBt Aber hinzu: »Wir nennen ihn schlechthin Lerche (alauda).« ↩
. » · » DerAltar stand unter einem von Saulen getragenen. mit Vorhangen ver« schspssenen Ubekbau CCUWITUUUZ AUf DEM Altar standen keine. Lettchtcsr (aucl) kein KWUZVIZ dAfUr hing von dem Ciborium eine Lampe herab. ↩
Vgl. S. 182 AnmerL H. ↩
Vgl. oben K. 5-—7, U, 15. ↩
