11.
Dies scheint nun zwar so gesagt zu sein, als ob es sich nur um fromme Männer handelte; es liegt aber darin eine Bedeutung von tieferer und viel besserer Natur als die Dinge in der Sinnenwelt haben. Die heilige Schrift scheint nämlich Charaktere der Seele vorzuführen und zwar lauter gute, von denen der eine infolge von Belehrung, der andere vermöge seiner Naturanlage, der dritte durch Übung nach dem Guten strebte. Denn der erste, mit Namen Abraham, ist das Sinnbild der durch Belehrung erworbenen Tugend, der zweite, Isaak, das Sinnbild der natürlichen (angeborenen), der dritte, Jakob, das Sinnbild der durch Übung erworbenen (Tugend). Allerdings ist nicht zu verkennen, dass jeder von ihnen sich alle drei Fähigkeiten zu eigen machte, allein jeder wurde nach der genannt, die er in hervorragendem Masse besass; denn weder kann Belehrung ohne Naturanlage oder Übung zur Vollkommenheit gelangen, noch ist die Naturanlage ausreichend, um ohne Belehrung und Übung zum Ziele zu kommen, noch auch vermag es die Übung, wenn nicht vorher durch Naturanlage und Belehrung der Grund gelegt ist. Richtig also verknüpfte er die drei aufs engste miteinander, die dem Wortlaute nach Männer, in Wahrheit aber, wie gesagt, Tugenden waren, die Naturanlage, das Lernen und die Übung; die Menschen nennen sie mit anderem Namen die drei Grazien, entweder weil Gott unserem Geschlecht diese drei Fähigkeiten zur Vervollkommnung des Lebens verliehen hat oder insofern sie sich selbst der vernünftigen Seele als vollkommenes und schönstes Geschenk darbieten (Die griechische Benennung der Grazien (Χάριτες) und der Ausdruck, der „verleihen, schenken, anbieten" bedeutet (χαρίζεσθαι), gehören zu demselben Stamm.), damit der ewige in den Gottesworten geoffenbarte Name in Verbindung mit den drei genannt werde, die nicht sowohl Menschen als vielmehr die drei erwähnten Fähigkeiten sind. Denn die Natur der Menschen ist vergänglich, unvergänglich die der Tugenden; vernünftiger ist es aber, das ewige Wesen nach unvergänglichen Dingen statt nach sterblichen zu benennen, denn der Ewigkeit verwandt ist die Unvergänglichkeit, feindlich gegenüber steht ihr der Tod.
