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Mögen sie also ihren zügellosen und schmähsüchtigen Mund verschliessen und ihren Neid und Hass gegen das Edle mässigen und nicht die Tugenden der Männer verunglimpfen, die trefflich gelebt haben und die darum durch Lob ausgezeichnet werden müssten. Dass jene Tat aber wirklich lobenswert und bewunderungswürdig ist, kann man aus vielen Umständen leicht ersehen. Zunächst liess er sich den Gehorsam gegen Gott, der bei allen verständig denkenden Männern für wichtig und bedeutsam gilt, ganz besonders angelegen sein, so dass er jedes Gebot stets ohne Widerwillen und Missvergnügen beobachtete, selbst wenn es viel Mühe und Beschwerden brachte; daher ertrug er auch das, was ihm hinsichtlich seines Sohnes geboten war, sehr wacker und standhaft. Und da es in seinem Vaterlande nicht, wie bei einigen Völkern, Sitte war Menschen zu opfern, ein Brauch, der durch längere Dauer die Vorstellung des Schrecklichen abzuschwächen pflegt, so sollte er zuerst mit einer ganz neuen und ungewöhnlichen Sache den Anfang machen, die meines Erachtens niemand auf sich genommen hätte, selbst wenn seine Seele mit Eisen oder Stahl gepanzert wäre; denn, wie einer sagt, „mit der Natur zu kämpfen ist eine schwere Aufgabe" (Woher Philo dieses Zitat hat, ist nicht bekannt.). Einen echten Sohn hatte er erzeugt, nur diesen eben besass er, und echt war das Gefühl der Liebe zu ihm, es übertraf alle Beispiele von ernster Neigung und Freundschaft, die eine Berühmtheit erlangt haben. Hinzu kam noch als mächtiger Beweggrund zur Liebe der Umstand, dass er den Sohn nicht im kräftigen Mannesalter, sondern im Greisenalter gezeugt hatte; denn in die spätgeborenen Kinder sind die Eltern beinahe rasend verliebt, entweder weil sie lange Zeit ihre Geburt ersehnt haben oder weil sie auf andere (Kinder) nicht mehr hoffen, da die Natur hier gleichsam an der äussersten und letzten Grenze Halt macht. Dass nun jemand aus einer reichen Kinderschar eins Gott hingibt, gleichsam als ein Erstlingsopfer von Kindern, wäre nicht so widersinnig, da er in der Freude an den lebenden einigermassen Trost und Linderung findet für den Schmerz über das geopferte. Grösseres aber, als mit Worten ausgedrückt werden könnte, vollbringt einer, der den einzigen geliebten Sohn, den er hat, darbringt, da ein solcher sich nicht dem väterlichen Gefühl hingibt, sondern ganz und gar von der Liebe zu Gott leiten lässt. Jene Tat ist also ganz aussergewöhnlich und ward eben nur von ihm (Abraham) vollbracht; denn wenn die anderen zur Rettung des Vaterlandes oder eines Heeres ihre Kinder hingeben, damit sie geopfert werden, bleiben sie entweder daheim oder stehen weit ab von den Altären oder wenden, wenn sie dabei sind, das Antlitz weg, weil sie es nicht mit ansehen können, wie andere die Opferung vollziehen. Abraham aber begann wie ein Priester selbst die Opferhandlung, der zärtlichste Vater an dem in allem ausgezeichneten Sohne; vielleicht hätte er gar dem Opfergesetze gemäss (vgl. 3 Mos. 1,6 u. ö.) bei der Opferung seinen Sohn in Stücke zergliedert. So neigte er nicht auf der einen Seite zu seinem Sohne, auf der andern zur Frömmigkeit, sondern ganz und gar weihte er seine Seele der Heiligkeit und kümmerte sich dabei wenig um das verwandtschaftliche Blut. Was hat also das (von Abraham) Gesagte mit den andern zu tun? was ist hier nicht ausserordentlich und über jedes Lob erhaben? Daher kann wenigstens der nicht von Natur Neidische und Boshafte die überaus grosse Frömmigkeit anstaunen und bewundern und, wenn auch nicht alles was ich gesagt habe, so doch wenigstens einen Teil von allem sich zu Herzen nehmen; denn schon die Vorstellung eines (Gedankens) in irgend einer unbedeutenden Form — unbedeutend ist aber keine Tat des Weisen — ist geeignet, die Grösse und Hoheit seiner Seele zu veranschaulichen.
