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So erzählt die hl. Schrift dem Wortlaute nach. Alle aber, die die Dinge unkörperlich und nackt sehen können und mehr ein seelisches als ein körperliches Leben führen, werden sagen, dass die vier von den neun Königen unsere vier Empfindungsvermögen Lust, Begierde, Furcht und Traurigkeit bedeuten, die fünf übrigen unsere fünf Sinne, Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch und Tastsinn. Denn sie regieren und beherrschen uns gewissermassen und haben die Macht über uns, aber nicht in gleicher Weise; denn die fünf sind den vieren untertan und zahlen ihnen gleichsam Tribut und notwendige von der Natur festgesetzte Abgaben. Aus dem nämlich, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und tasten, gehen Schmerz und Lust, Furcht and Begierde hervor, da keine dieser Empfindungen von selbst entstehen kann, wenn ihr nicht die Anlässe dazu durch die Sinne geboten werden. Diese sind die wirkenden Kräfte der Empfindungen, entweder mit Hilfe von Farben und Formen oder durch Töne beim Sprechen und Hören oder durch Schmecken oder durch Düfte oder durch Berührung von Gegenständen, die weich und hart oder rauh und glatt oder warm und kalt sind; alle diese Dinge werden einem jeden der Affekte durch die Sinne zugeführt. Und solange die erwähnten Abgaben entrichtet werden, besteht unter den Königen das Bündnis; wenn sie aber nicht mehr gezahlt werden, entstehen sofort Unruhen und Kämpfe. Das geschieht, wie es scheint, wenn das schmerzensreiche Greisenalter kommt, wo die Empfindungen nicht schwächer werden, sondern womöglich noch stärker als früher, wo hingegen die Augen trübe, die Ohren schwerhörig und ebenso alle übrigen Sinne stumpfer werden und nicht mehr in gleicher Weise alles genau unterscheiden und beurteilen und daher nicht dasselbe wie früher (den Affekten) leisten können; natürlich werden sie, wenn sie in jeder Hinsicht schwach ge-worden und schon von selbst dem Sinken nahe sind, leicht von den gegnerischen Empfindungen niedergeworfen. Ganz ihrer Natur entsprechend heisst es in der hl. Schrift (1 Mos. 14,10), dass zwei von den fünf Königen in Brunnen fielen, die drei andern die Flucht ergriffen; denn Tastsinn und Geschmack dringen in das tiefste Innere des Körpers ein und übermitteln den Eingeweiden, was in ihren Bereich gehört, während Augen, Ohren und Geruchsinn meistens nach aussen wandern und der Knechtschaft des Körpers entfliehen. Ihnen allen setzt der Weise nach, und nachdem er wahrgenommen, dass die früheren Bundesgenossen und Freunde leiden und dass Krieg statt Frieden unter den neun Mächten bestehe, weil nämlich die vier mit den fünf um die Herrschaft ringen, passt er den rechten Moment ab und stürzt sich plötzlich auf sie; denn er ist eifrig bestrebt, die Demokratie, die beste der Staatsverfassungen, statt der Tyrannen- und Dynastenherrschaften in der Seele herzustellen und Gesetz und Recht an Stelle von Gesetzlosigkeit und Ungerechtigkeit, die so lange geherrscht hatten. Das Erzählte ist aber keineswegs eine Fabeldichtung, sondern eine ganz untrügliche Tatsache, die wir in uns selbst wahrnehmen-, denn oft bewahren die Sinne den Empfindungen gegenüber den Frieden und übermitteln ihnen die sinnlichen Gegenstände, oft aber sind sie aufrührerisch und wollen nicht mehr das Gleiche leisten oder können es nicht wegen der Anwesenheit der warnenden Vernunft; sobald diese ihre volle Waffenrüstung angelegt hat, nämlich die Tugenden und ihre Lehren und Grundsätze, also eine unwiderstehliche Macht, trägt sie einen starken Sieg davon; denn Vergängliches darf mit dem Unvergänglichen nicht zusammenwohnen. Die neun Mächte nämlich, die vier Affekte und die fünf Sinne, sind vergänglich und Ursachen der Vergänglichkeit; die Vernunft aber, die sich auf die Tugenden stützt und wahrhaft heilig und göttlich ist, die auch in der Zehn, der vollkommensten Zahl, ihre Stellung hat (Die Vernunft steht als zehnte Macht der Neunzahl der (fünf) Sinne vnd der (vier) Affekte gegenüber. Über die 10 als vollkommenste Zahl vgl. Über die Weltschöpfung § 47.), begibt sich in den Kampf und besiegt alsbald die genannten Mächte kraft ihrer stärkeren göttlichen Machtfülle.
