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Aber lassen wir die Sinne, die an ihren Krippen das uns eingepflanzte Tier, die Begierde, mästen (den Geschmacksinn, den Geruchsinn, den Tastsinn.), betrachten wir den Gehörsinn, der sich das Wort zu eigen macht. Sein angespannter und vollendetster Lauf macht Halt an der die Erde umgebenden Luft, wenn heftige Stürme und Donnerschläge grossen Lärm und mächtiges Getöse erschallen lassen. Die Augen aber gelangen in einem Augenblick von der Erde in den Himmel und zu den Enden des Weltalls, nach Osten und Westen, in den Norden und Süden, und dort angekommen ziehen sie den Geist an die Erscheinungen heran, dass er sie denkend betrachte. Der Geist aber bleibt nicht untätig, nachdem er den gleichen Eindruck empfangen hat, er erhält, da er wach und immer in Bewegung ist, von dem Gesichtsinn die Anregungen, das rein Geistige schauen zu können, und geht bald zu der Untersuchung über, ob jene Erscheinungen unerschaffen (ewig) sind oder ob sie einen Entstehungsanfang gehabt haben, ob sie unbegrenzt oder begrenzt sind, ob es eine oder mehrere Welten gibt, ob die vier Elemente allen Dingen zu Grunde liegen oder ob der Himmel und die in ihm befindlichen Dinge von besonderer Natur sind und eine göttlichere Substanz erhalten haben, nicht dieselbe wie die übrigen Dinge; und wenn nun die Welt geschaffen wurde, durch wen sie geschaffen ist, wer ihr Schöpfer nach Wesenheit oder Beschaffenheit war, in welcher Absicht er sie gemacht hat und was er jetzt tut und was für ein Leben er führt und was sonst alles ein aussergewöhnlicher und immer denkender Geist zu ergründen pflegt. Dieses und Ähnliches gehört zu den Aufgaben der Philosophie; daraus folgt, dass Weisheit und Philosophie ihren Ausgangspunkt von nichts anderem in uns genommen haben als von dem führenden der fünf Sinne, dem Gesichtsinn, den Gott auch allein dem Bereich des Körperlichen rettend entzog, während er die vier anderen schlechter stellte; denn diese wurden dem Fleische und den Regungen des Fleisches untertan, jener aber erhielt die Fähigkeit, den Nacken zu strecken und zu schauen und andere Freuden aufzusuchen, weit bessere als die leiblichen Genüsse, aus der Betrachtung der Welt und ihres Inhalts (Vgl. Über die Weltschöpfung § 53 f. Der Gedanke stammt aus Plato (Tim. p, 47).). Angemessen war es demnach, dass einer von den fünf Sinnen — wie eine Stadt aus einem Fünfstädteverbande —, der Gesichtsinn, einer besondern Ehre teilhaftig wurde und bei der Vernichtung der andern erhalten blieb; denn er bewegt sich nicht wie jene bloss um die vergänglichen Dinge herum, er trachtet vielmehr zu den unvergänglichen Wesen zu gelangen und freut sich an ihrer Betrachtung. Deshalb bezeichnet die hl. Schrift diese Stadt sehr gut als „klein" und „nicht klein" (Philo nimmt hier keine Rücksicht darauf, dass die Worte der Septuaginta über die gerettete Stadt (1 Mos. 19,20) οὐ μικρά ἐστιν ein Fragesatz sind.), indem sie damit auf den Gesichtsinn hindeutet; klein wird er genannt, weil er nur ein kleiner Teil von uns ist, gross, weil er Grosses erstrebt und eifrig danach verlangt, den ganzen Himmel und die ganze Welt zu betrachten.
