24.
Soviel sei zur buchstäblichen Erklärung gesagt; nun wollen wir mit dem verborgenen Sinn beginnen. Die wörtlichen Äusserungen sind nur Symbole der im Geiste erfassten Vorstellungen. Wenn nun die Seele gleichsam wie zur Mittagszeit durch Gott erleuchtet wird, wenn sie ganz und gar von dem rein geistigen Licht erfüllt ist und die ringsum von ihm ausgehenden Strahlen auffängt, bekommt sie eine dreifache Vorstellung eines einzigen Gegenstandes, einmal die, dass er selbst da ist, und dann die, als ob zwei Schatten von ihm ausstrahlten, wie dies auch denen begegnet, die in einem sinnlich wahrnehmbaren Lichte weilen; denn häufig fallen doppelte Schatten von ruhenden oder bewegten Dingen zusammen ein. Allerdings darf man nicht glauben, dass bei Gott die Schatten im eigentlichen Sinne gemeint sind; wir gebrauchen diesen Ausdruck nur, um die Sache, die erklärt werden soll, deutlicher zu machen, obgleich sie sich in Wahrheit nicht so verhält. Es ist aber — wie einer, der der Wahrheit sehr nahe kommt, sagen könnte — der Vater des Weltalls der mittlere, der in den heiligen Schriften mit seinem eigentlichen Namen „der Seiende" genannt wird, auf beiden Seiten aber sind die höchsten und nächsten Kräfte des Seienden, die schöpferische und die regierende; die schöpferische heisst „Gott", denn mit dieser hat er das All (ins Dasein) gesetzt und eingerichtet, die regierende „Herr", denn es ist billig, dass der Schöpfer über das Geschöpf herrscht und regiert (Philo deutet in seinen Schriften häufig die in der Septuaginta gebrauchte Bezeichnung θεος (= ~yHla) als die schöpferische und wohltuende und die Bezeichnung κύριος (= HAHy) als die regierende und strafende Kraft Gottes. Vgl. Einl. S. 19. Das Wort θεός bringt er nach einer alten. Etymologie (Herodot 2,52) mit dem Vcrbum τίθημι (setzen) zusammen. Wenn übrigens Philo an unserer Stelle den Mittleren den nennt, der in der heiligen Schrift der Seiende genannt wird", so denkt er vermutlich an die Stelle 2 Mos. 3, 14, wo die Septuaginta übersetzt έγώ είμι ό ών (ich bin der Seiende) und o ών άττέοταλέν με (der Seiende schickt mich).). Begleitet also von diesen beiden Kräften, zeigt der Mittlere dem schauenden Geiste bald die Erscheinung eines Einzigen bald die von dreien; die Vorstellung von dem Einen nämlich, wenn er (der schauende Menschengeist) im höchsten Grade geläutert ist und nicht nur an der Menge der Zahlen, sondern auch an der Nachbarin der Eins, an der Zwei, vorüberziehend zu der ungemischten, nicht zusammengesetzten, für sich durchaus keines andern bedürftigen Idee sich emporschwingt, die Vorstellung von dreien dagegen, wenn er noch nicht in die grossen Mysterien eingeweiht ist und nur erst die geringeren Grade kennt und „das Seiende" aus ihm allein ohne Mithilfe eines andern nicht zu begreifen vermag, sondern nur aus dessen Wirkungen, als ein schaffendes oder regierendes Wesen. Diese ist nun wohl, wie man zu sagen pflegt, „zweite Fahrt" (Sprichwörtliche Redensart von einem, der einen zweiten Versuch macht, nachdem ihm der erste misslungen.), sie steht aber nichtsdestoweniger in Verbindung mit gottwohlgefälliger Meinung; die andere Vorstellungsart dagegen hat nicht nur Verbindung mit ihr, sondern ist selbst gottgefällige Meinung oder richtiger die Wahrheit, die älter ist als Meinung und höher steht als alles Meinen. Wir müssen aber das Gesagte deutlicher erklären.
