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Was aber der wichtigste Nutzen der Augen ist, soll nunmehr gesagt werden. Für das Sehvermögen allein unter allen Sinnen hat Gott das Licht hervorgebracht, das unter den existierenden Dingen das schönste ist und zuerst in der hl. Schrift „schön" genannt wurde (1 Mos. 1,4). Das Licht ist aber zweifacher Natur: das eine entsteht aus dem für unsern Gebrauch bereiteten Feuer, es ist ein Vergängliches aus Vergänglichem und unterliegt dem Erlöschen, das andere hingegen ist unverlöschbar und unvergänglich, es kommt von oben, vom Himmel, zu uns herab, indem jedes Gestirn wie aus ewig sprudelnden Quellen Lichtstrahlen entsendet. Mit beiden Arten verbindet sich der Gesichtsinn und mit beider Hilfe gelangt er zu deutlicher Wahrnehmung alles Sichtbaren. Sollen wir nun noch weiter versuchen, mit Worten die Augen zu preisen, da doch Gott ihren wahren Ruhm am Himmel durch die Gestirne verkündigt hat? Denn weswegen ist das Licht der Sonne, des Mondes, der andern Planeten und der Fixsterne geschaffen worden, wenn nicht für die Tätigkeit der Augen zum Zwecke des Sehens? Mit Hilfe des Lichtes also, dieser schönsten aller Gaben, betrachten sie alles in der Welt (Dass die Augen des Lichts bedürfen, um zu sehen, lehrte Aristoteles (de anima II 7 p. 418b).), die Erde, Pflanzen, Tiere, Früchte, die Meeresfluten, die Quellflüsse und die Giessbäche und die verschiedenen Quellen, die teils kaltes teils warmes Wasser hervorfliessen lassen, die Beschaffenheit aller Dinge, die in der Luft existieren — unzählige und nicht mit Worten zu umfassende Formen gibt es —, und schliesslich den Himmel, der in Wahrheit als eine Welt in der Welt geschaffen ist, und alle Herrlichkeiten und göttlichen Wunderwerke am Himmel. Welcher andere Sinn kann sich wohl rühmen, so weit vordringen zu können?
