29.
Das ist der offenbare und für die grosse Menge verständliche Sinn; der verborgene aber, der sich nur an wenige richtet, die die Stimmungen der Seele und nicht die Formen des Körpers erforschen, soll sogleich angegeben werden. Sinnbildlich bedeuten die fünf Städte unsere fünf Sinne, die Werkzeuge, durch welche alle angenehmen Eindrücke, kleine und grosse, zustande kommen. Denn wir freuen uns bei dem Anblick der Mannigfaltigkeit von Farben und Formen in unbeseelten und beseelten Dingen oder beim Anhören wohllautender Stimmen oder beim Kosten von Speisen und Getränken oder beim Einatmen wohlriechender Düfte oder bei der Berührung weicher und warmer und glatter Gegenstände. Tierischer und sklavischer Natur sind drei von den fünf Sinnen, der Geschmack, der Geruch und der Tastsinn, von denen die gehässigsten und geilsten Tiere hauptsächlich beherrscht sind; denn den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch füllen sie sich entweder mit Nahrung an oder sie folgen ihrer Brunst. Zwei Sinne aber sind von feinerer Art und haben die Führerrolle, das Gehör und das Gesicht; nur sind die Ohren langsamer und gewissermassen weiblicher als die Augen, die kühn zu den sichtbaren Dingen vordringen und nicht erst abwarten, bis diese sie erregen, sondern ihnen vorher entgegeneilen und sie im Gegenteil in Bewegung zu setzen suchen. Das Ohr sollte also, weil es langsam und weiblicher ist, den zweiten Rang einnehmen, einen besonderen Vorzug aber sollte das Auge haben; denn Gott erklärte dieses für den König der übrigen Sinne und setzte es über sie alle, und da er ihm gleichsam auf der Burg (d. hl. im Kopfe.) seinen Sitz anwies, machte er es am meisten der Seele verwandt. Beweisen kann man das aus der Tatsache, dass das Auge bei allen Wandlungen der Seele sich mitverändert; denn wenn Trauer bei ihr einkehrt, sind auch die Augen voll Sorge und Niedergeschlagenheit, bei ihrer Freude andererseits lächeln sie und blicken fröhlich; wenn Furcht die Seele beherrscht, sind sie voller Unruhe und nehmen unsichere und zuckende Bewegungen an; wenn aber Zorn die Seele erfasst, rollt das Auge schneller und ist mit Blut unterlaufen; beim Nachdenken und Sorgen um etwas ist es ruhig und starr, und so zu sagen mit dem Geiste angespannt, während es in der Erholung und beim Ausruhen der Seele sich ebenfalls ausruht und schlaff wird. Einem nahenden Freunde kündigt es vorher das Gefühl des Wohlwollens an durch ruhigen und heiteren Blick; wenn es aber ein Feind ist, dann zeigt es die missvergnügte Stimmung der Seele; bei verwegenem Wesen springen und eilen die Augen voran, bei schüchternem dagegen bleiben sie ruhig und sanft.. So kann man kurz sagen, dass das Auge mit höchster Kunstfertigkeit als ein Abbild der Seele geschaffen ist, dass es wie in einem Spiegel ein deutliches Bild von der Seele gibt, die von selbst ihrer Natur nach nicht sichtbar ist. Allein nicht nur in dieser Hinsicht überragen die Augen an Schönheit alle übrigen Sinne, sondern auch insofern die Tätigkeit der anderen im Wachsein — denn die Untätigkeit im Schlafe, darf man nicht in Betracht ziehen — mangelhaft ist; denn wenn nicht irgend etwas von der Aussenwelt sie in Bewegung setzt, bleiben sie in Ruhe, während die geöffneten Augen in fortwährender und ununterbrochener Tätigkeit sind und niemals überdrüssig werden, also auch damit beweisen, in welch inniger Beziehung sie zur Seele stehen. Nur ist die Seele immer in Bewegung und wach bei Tag und Nacht, den Augen aber, die ja grösstenteils körperlicher Natur sind, ist die vollkommen hinreichende Gabe verliehen, während der Hälfte der ganzen Lebenszeit die ihnen zukommende Tätigkeit auszuüben.
