37.
Soviel sei über die Frömmigkeit des Mannes gesagt, obwohl noch eine grosse Menge von anderen Beweisen vorhanden ist. Aber wir müssen auch sein freundliches Benehmen den Menschen gegenüber untersuchen. Denn es gehört zu derselben Naturanlage, fromm und menschenfreundlich zu sein, bei demselben Menschen findet man gewöhnlich beides, Frömmigkeit gegen Gott und Gerechtigkeit gegen die Mitmenschen. Alle seine Taten nun durchzugehen, würde zu weit führen, es genügt wohl zwei oder drei zu erwähnen. Obgleich er sehr reich an Silber und Gold war und zahlreiche Viehherden besass, obgleich er mit den eingeborenen Bewohnern, die hinreichenden Besitz hatten, hinsichtlich des Vermögens wetteifern konnte und reicher geworden war, als es Ansiedler gewöhnlich sind, so wurde er doch von denen, die ihn in ihre Mitte aufgenommen hatten, niemals getadelt, sondern stets von allen, die mit ihm bekannt wurden, sehr gerühmt. Wenn aber einmal, wie es zu geschehen pflegt, ein Streit und Zwist zwischen seinen Dienern und Begleitern mit andern ausbrach, versuchte er ihn in Ruhe zu schlichten, da er bei seinem ernsten Charakter alle Streitsucht, Unruhe und Zwietracht verabscheute und aus seiner Seele verbannt hatte. Und es ist kein Wunder, dass er so gegen die Fremden war, die sich vereinigt und mit stärkerer und mächtigerer Hand gegen ihn gewehrt hätten, wenn er Streit angefangen hätte; denn auch in seinem Benehmen gegen die, die durch Abstammung mit ihm verwandt, an Gesinnung aber ihm entfremdet waren, die vereinsamt und allein standen und weit geringeren Besitz hatten, zeigte er ja das richtige Mass und zog freiwillig den kürzeren, wo er sich Vorteile verschaffen konnte. Er hatte nämlich einen Bruderssohn, der mit ihm gezogen war, als er die Heimat verliess; es war ein unzuverlässiger, unentschiedener Mensch, der hin und her schwankte, bald sich einzuschmeicheln suchte mit freundlichen Liebkosungen, bald störrisch und widerspenstig war infolge seines ungleichmässigen Wesens. Daher war auch seine Dienerschaft streitsüchtig und unruhig, da sie keinen Herrn hatte, der sie zur Besonnenheit mahnte, und am meisten seine Hirten, die von ihrem Herrn weiter entfernt waren; sich frei fühlend entzweiten sie sich aus Rechthaberei mit den Hirten der Herden des Weisen, die wegen der Sanftmut ihres Herrn in den meisten Dingen nachgaben; daher gingen jene in ihrem Unverstand und in ihrer unverschämten Frechheit weiter, indem sie ihrem Groll sich hingaben und die Unversöhnlichkeit in ihrem Herzen nährten, bis sie die von ihnen Angegriffenen zwangen, sich zur Wehr zu setzen (1 Mos. 13,7 ff.). Der Streit war schon sehr heftig geworden, da hörte der Weise von dem Zusammenstoss, und in der Erkenntnis, dass seine Schar an Zahl und Kraft überlegen sei, liess er den Streit nicht bis zu entscheidendem Kampfe kommen, damit sein Bruderssohn über die Niederlage seiner Leute sich nicht betrübe; er trat dazwischen und versöhnte die Streitenden mit friedlichen Worten, und zwar nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft. Denn da er wusste, dass Leute, die zusammenwohnen und an demselben Orte leben, wenn sie verschiedener Meinung sind, mit einander streiten und immerfort Zwistigkeiten und Kämpfe gegen einander erregen, so hielt er es, damit dies nicht wieder geschehe, für vorteilhaft, das Zusammenleben aufzugeben und getrennt zu wohnen. Er ruft seinen Bruderssohn herbei und überlässt ihm die Wahl des besseren Landes; gern gestattet er ihm, sich den Teil zu nehmen, den er sich auswählen würde; denn den Frieden zu gewinnen schien ihm der grösste Gewinn. Welcher andere würde wohl, wenn er der stärkere ist, einem schwächeren Platz machen? wer würde, wenn er siegen kann, lieber den kürzeren ziehen wollen und nicht von seiner Macht Gebrauch machen? Nur dieser (Weise) erblickte das Beste nicht in der Stärke und in der Überlegenheit, sondern in einem stillen und, so weit es an ihm lag, ruhigen Leben; daher gewann er auch augenscheinlich die Bewunderung aller.
