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Ein wahres und sicheres Gut ist demnach allein das Vertrauen 'auf Gott, (worin enthalten sind) der Trost des Lebens, die Erfüllung guter Hoffnungen, das Fehlen alles Bösen und eine Fülle des Guten, das Aufgeben des Gefühls der Unseligkeit, die Erkenntnis der Gottesverehrung, der Besitz der Glückseligkeit und in jeder Hinsicht eine Veredlung der Seele, die sich fest stützt auf den Urheber aller Dinge, der alles vermag und das Beste will. Denn wie die Menschen, die auf schlüpfrigem Wege wandeln, oft straucheln und hinfallen, während die auf trockener und vielbenutzter Strasse wandernden ihren Weg ohne Anstoss zurücklegen, so gewöhnen die, die ihre Seele den Weg der körperlichen und äusseren Dinge führen, sie nur daran zu fallen, denn diese sind ja schlüpfrig und sehr schwankend; die aber auf dem Wege der Tugendlehren zu Gott hinstreben, führen sie einen sichern Weg, auf dem sie nicht straucheln kann. So kann man in Wahrheit sagen: wer auf jene Dinge vertraut, hegt Misstrauen gegen Gott, wer aber jenen Dingen misstraut, der vertraut auf Gott.
Doch nicht bloss das Vertrauen auf Gott, die Königin der Tugenden, bezeugen ihm die göttlichen Aussprüche; sie haben auch ihn zuerst als „den Älteren" bezeichnet (1 Mos. 24,1)( Die Septuaginta übersetzt die Worte וְאַבְרָהָ֣ם זָקֵ֔ן durch Καὶ Αβρααμ ἦν πρεσβύτερος (ein älterer Mann). Das Wort πρεσβύτερος hat aber zugleich die Bedeutung „ehrwürdig". Vgl. auch Midr. Bereschl. R. c. 59 zu 1 Mos. 24,1.), obwohl die Männer vor ihm dreimal und vielmal soviel Jahre gelebt haben; es wird uns aber von keinem von ihnen berichtet, dass er dieser Bezeichnung gewürdigt worden ist. Und wohl mit Recht; denn die wahre Bezeichnung „der Ältere" ist nicht in der Länge der Zeiten, sondern in einem lobenswerten und vollkommenen Leben begründet. Solche nun, die ein langes Leben nur mit dem Körper hinbringen, ohne Streben nach dem Schönen und Guten, muss man langlebige Kinder nennen, da sie niemals des grauen Haares würdige Kenntnisse sich angeeignet haben; wer dagegen Einsicht und Weisheit und Gottvertrauen liebt, kann mit Recht „ein Älterer" genannt werden, ebenso wie „der Erste". Denn der Weise ist in Wahrheit der Erste des Menschengeschlechts, wie der Steuermann auf dem Schiffe (der erste ist), der Herrscher im Staate, der Feldherr im Kriege, wie auch die Seele im Körper und die Vernunft in der Seele und wie der Himmel in der Welt und Gott im Himmel. Und da Gott an dem Manne das Vertrauen zu ihm bewunderte, gab er ihm das Vertrauen zurück durch die eidliche Be-kräftigung der Gnadenbeweise, die er ihm verheissen hatte, indem er, nicht nur wie sonst mit einem Menschen, sondern wie ein Freund mit dem Freunde sich mit ihm unterhielt; denn er sagt: „bei mir habe ich geschworen" (1 Mos. 22,16); bei Gott ist zwar das Wort ein Eid, (aber er schwor,) damit die Seele unerschütterlich und fest, noch mehr als früher, vertraue. Der „Ältere" und „Erste" ist also und soll genannt werden der Weise, der „Jüngere" und „Letzte" dagegen jeder Unverständige, der nach Neuerungen strebt und nach Dingen, die als die letzten anzusehen sind. Soviel darüber. Zu der Menge und Grösse der Lobsprüche über den Weisen setzt Moses gleichsam als krönendes Ende hinzu, dass dieser Mann das göttliche Gesetz und alle göttlichen Gebote beobachtet hat (1 Mos. 26,5), nicht durch Schriften belehrt, sondern ohne Schrift von der Natur, weil er sich eifrig bemühte, ihren gesunden und lebensfrischen Anregungen zu folgen. Was aber die Verheissungen Gottes betrifft, (so frage ich): was geziemt sich anders für die Menschen, als unerschütterliches Vertrauen in sie zu setzen? Solcher Art ist das Leben des ersten Stammvaters unseres Volkes gewesen, ein gesetzestreues, wie manche sagen werden, wie aber meine Darstellung gezeigt hat, war es selbst Gesetz und ungeschriebene göttliche Satzung.
