15.
Die erwähnten Wanderungen geschahen nach der buchstäblichen Auffassung der Schrift durch einen weisen Mann, nach den Regeln der Allegorie aber durch die tugendliebende und den wahren Gott suchende Seele. Die Chaldäer nämlich betrieben vorzugsweise die Sternkunde und schrieben alles den Bewegungen der Gestirne zu; daher glaubten sie, dass alles in der Welt von Kräften geleitet wird, die in Zahlen und Zahlenverhältnissen enthalten sind, und priesen das sichtbare Sein, während sie das unsichtbare und rein geistige nicht begriffen. Bei ihrer Durchforschung der in jenen (Himmelskörpern) herrschenden Ordnung, die in den Kreisbewegungen der Sonne, des Mondes und der übrigen Planeten und der Fixsterne, sowie in dem Wechsel der Jahreszeiten und in den engen Beziehungen zwischen den himmlischen und irdischen Dingen zu Tage tritt, nahmen sie an, dass die Welt selbst Gott sei, indem sie sündhafterweise das Geschaffene dem Schöpfer gleichstellten. Nachdem Abraham in diesem Glauben herangewachsen und lange Zeit Chaldäer (Sternverehrer) gewesen war, öffnete er wie aus tiefem Schlafe das Auge der Seele und begann statt tiefer Finsternis reinen Lichtglanz zu schauen; er folgte diesem Licht und nahm wahr, was er vorher nicht gesehen hatte, einen Lenker und Leiter der Welt, der über sie waltet und in heilsamer Weise sein eigen Werk regiert und allen seinen Teilen, die seiner göttlichen Fürsorge würdig sind, seinen Schutz und Beistand angedeihen lässt. Um nun die ihm offenbarte Wahrnehmung fester seinem Geiste einzuprägen, spricht alsbald die göttliche Stimme zu ihm: „Grosses, mein Lieber, wird oft erkannt durch einen Umriss von kleinerem Massstabe; wenn man auf diesen hinblickt, kann man die Vorstellung bis zu unendlichen Grössen steigern. Lass darum die Himmelsscharen und die chaldäische Wissenschaft Reiseite (Vgl. Bereschl. ß. c. 44 zu 1 Mos. 15,5: „Gott sprach zu ihm: ein Prophet bist du und kein Astrolog." Talm. Nedarim f. 32a: twnynGtcyam ac $lV „reisse dich los von deinen astrologischen Irrtümern".) und versetze dich für kurze Zeit aus dem grössten Staate, aus dieser Welt (Vgl. Über die Weltschöpfung § 19.), in einen kleineren, durch den du den Leiter des Alls besser wirst begreifen können". Deshalb heisst es (in der hl. Schrift), dass er die erste Wanderung aus dem Lande der Chaldäer in das der Charräer gemacht habe.
