44.
Diese Probe von dem Verhalten der Frau möge genügen; zahlreicher sind die rühmlichen Taten des Weisen, von denen ich bereits einige erörtert habe. Ich will aber auch noch sein Verhalten bei dem Tode der Frau erwähnen, worüber schweigend hinwegzugehen nicht recht wäre. Nachdem er nämlich eine solche Gefährtin seines ganzen Lebens, wie wir sie geschildert haben und die heilige Schrift sie kennzeichnet, verloren hatte, bezwang er wie ein Held den Schmerz, der sich seiner bemächtigen wollte und in seiner Seele kämpfte; er stärkte und kräftigte die natürliche Gegnerin der Gefühle, die Vernunft, die er das ganze Leben hindurch zu Rate zog und der er jetzt ganz besonders folgen wollte, da ie des Beste und Nützlichste empfahl. Ihr Rat aber ging dahin, weder übermässig zu jammern wie über ein ganz neues und nie dagewesenes Unglück noch auch ganz empfindungslos zu bleiben, als ob nichts Schmerzliches sich ereignet hätte, sondern den Mittelweg statt der beiden Extreme zu wählen und zu versuchen, den Schmerz zu mässigen, der Natur, die den schuldigen Tribut fordert, nicht zu zürnen, sondern das Geschehene ruhig und gelassen zu ertragen (Philo sieht in Abrahams Verhalten beim Tode Saras die Befolgung der philosophischen Grundsätze über die Trauer, wie sie in den von Philosophen verfassten Trostschriften erörtert zu werden pflegten. Schon der Akademiker Krantor hatte in seinem Buche über die Trauer die Metriopathie, d. h. den rechten Mittelweg zwischen massloser Schmerzäusserung und vollständiger Gefühllosigkeit, als für den Weisen allein passend empfohlen (Cic. Acad. II 135 Tusc. III 12. Plut. Consol. ad Apoll. 3).). Ein Zeugnis dafür liegt in den heiligen Büchern vor, die man nicht falschen Zeugnisses beschuldigen darf: sie erzählen nämlich, dass er, nachdem er kurze Zeit die Tote beweint hatte, alsbald „von der Leiche sich erhob" (1 Mos. 23,3); denn offenbar war er der Meinung, dass ein Übermass von Trauer unvereinbar sei mit der Weisheit, die ihn gelehrt hatte, den Tod nicht als ein Auslöschen der Seele, sondern als eine Loslösung und Trennung von dem Körper zu betrachten, da sie dahin geht, woher sie gekommen ist; gekommen aber ist sie, wie in der „Weltschöpfung" gezeigt worden ist (Über die Weltschöpfung § 135.), von Gott. Sowie nun kein Verständiger betrübt sein wird, wenn er eine Schuld abzahlt oder ein anvertrautes Gut dem zurückgibt, der es ihm zur Aufbewahrung übergeben hat (Vgl. Abot R. Nathan c. 14: (R. Eleasar sagte zu R. Jochanan b. Sakkai): „dein Sohn wurde sündenfrei von dieser Welt abberufen, deshalb tröste dich, dass du den dir zur Aufbewahrung anvertrauten Gegenstand unversehrt zurückerstattest".), ebenso glaubte er auch nicht hadern zu dürfen, wenn die Natur das ihrige zurücknahm, sondern das Unabänderliche ruhig hinnehmen zu müssen. Als nun die Angesehensten jener Gegend herbeikamen, um an seiner Trauer teilzunehmen, und nichts von alldem sahen, was in ihrer Mitte bei Trauerfällen üblich war, kein Jammern, keine Totenklage, kein Schlagen an die Brust, weder von Männern noch von Weibern, sondern nur stille und massvolle Trauer des ganzen Hauses, wunderten sie sich nicht wenig, wiewohl sie auch schon früher über die ganze Lebensweise des Mannes erstaunt waren. Da konnten sie das Lob über so grosse und so herrliche Tugend — denn alles an ihm war ja ausgezeichnet — nicht in ihrer Seele verschliessen; sie traten an ihn heran und riefen aus: „ein König von Gott (gesandt) bist du unter uns" (1 Mos. 23,6). Eine sehr richtige Bezeichnung; denn alle andern Regierungen werden von Menschen eingesetzt, in Kriegszeiten, bei Feldzügen, infolge von manchem Bösen, das die Herrschsüchtigen einander zufügen, indem sie sich gegenseitig aufreiben und Fussvolk und Reiterei und Seetruppen gegen einander aufstellen. Das Königtum des Weisen dagegen verleiht Gott, und wenn der Tugendhafte es erhält, so fügt er keinem etwas Böses zu, sondern vermittelt allen seinen Untergebenen den Besitz und Genuss des Guten, indem er ihnen Frieden und gesetzliche Ordnung verheisst.
