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So wurde der Knabe gerettet, da Gott das Geschenk wieder zurückgab und so den Darbringer für seine fromme Hingebung belohnte. Dem Weisen wurde seine Tat, obwohl sie unvollendet blieb, als eine vollkommene und vollständige angeschrieben und verewigt, nicht nur in den heiligen Büchern, sondern auch in den Herzen ihrer Leser. Den Schmähsüchtigen und Verleumdern freilich, die lieber alles zu tadeln als zu loben pflegen, scheint diese Tat nicht so gross und bewunderungswürdig zu sein, wie wir sie schätzen. Sie sagen nämlich, dass auch viele andere überaus zärtliche und kinderliebende (Eltern) ihre Kinder hingegeben haben, um sie teils für das Vaterland zu opfern als Sühne wegen eines Krieges oder wegen Trockenheit oder Überschwemmung oder pestartiger Krankheiten, teils aus hergebrachter Frömmigkeit, wenn es auch keine wahre Frömmigkeit ist; wenigstens hätten hochangesehene Hellenen, nicht nur gewöhnliche Bürger, sondern selbst Könige, keine Rücksicht auf ihre Kinder genommen und durch ihre Opferung grosse und zahlreiche Heeresmassen, die mit ihnen im Bunde waren, gerettet und die der Gegner bei dem ersten Angriff vernichtet. Barbarische Völker hätten lange Zeit den Kindermord als heiliges und gottgefälliges Werk zugelassen, ein Frevel, an den ja auch der göttliche Moses erinnere; denn er macht ihnen Vorwürfe wegen dieser Greueltat und sagt, „dass sie ihre Söhne und Töchter ihren Göttern zu Ehren verbrennen" (5 Mos. 12,31). Die indischen Gymnosophisten sollen bis zum heutigen Tage, wenn die langwierige und unheilbare Krankheit, das Greisenalter, sich einzustellen beginnt, bevor es sich stark geltend macht, einen Scheiterhaufen errichten und sich selbst verbrennen, auch wenn sie imstande sind sich möglicherweise noch lange Jahre zu erhalten (Gymnosophisten hiessen bei den Griechen die Brahmanen, die als Büsser und Einsiedler ein beschauliches Leben führten und oft freiwillig dem Leben entsagten (vgl. Lassen, Ind. Altertumsk. III 362 ff.)). Auch Weiber, deren Männer gestorben, stürzten sich freudig in denselben Scheiterhaufen und liessen sich lebend mit den Leichnamen jener verbrennen (Die indische Sitte der Witwenverbrennung war zu Philos Zeit aus den Berichten des Megasthenes und anderer griechischer Historiker bekannt). Diese, die in hohem Masse den Tod geringschätzen und nach ihm verlangen wie nach Unsterblichkeit und ihm entgegenrennen, könne man wirklich wegen ihres Wagemutes bewundern.
