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(2.) Da nun aber der Anfang des Gütergenusses die Hoffnung ist und da die tugendhafte Seele, die das wahrhaft Schöne zu erlangen bestrebt ist, die Hoffnung wie eine Verkehrsstrasse bahnt und öffnet, so nannte er den ersten Liebhaber der Hoffnung „Mensch" und gab ihm in besonderer Bevorzugung den gemeinsamen Namen des Geschlechts — die Chaldäer (Philo gebraucht bei sprachlichen Erklärungen den Ausdruck „Chaldäer" gleichbedeutend mit „Hebräer".) nämlich nennen den Menschen Enos (Die Worte Χαλδαϊοι — χαλοΰσιν sind als Parenthese zu fassen. (L. C.)) —, weil nur der in Wahrheit Mensch sei, der das Gute erwartet und auf gute Hoffnungen sich stützt. Hieraus folgt, dass er den Hoffnungslosen nicht für einen Menschen, sondern für ein menschenähnliches Tier hält, dem die beste Eigenschaft der menschlichen Seele, die Hoffnung, genommen ist. Weil er daher den Hoffnungsfrohen sehr schön preisen will, sagt er von ihm: „dieser hoffte (Philo folgt der Übersetzung der Sept., die statt הוּחַ֔ל אָ֣ז (damals ward angefangen) הוּחַ֔ל וְהָ֣ (dieser hoffte) gelesen zu haben scheint.) auf den Vater und Schöpfer des Alls" (1 Mos. 4,26), und fährt dann gleich fort: „das ist das Buch der Schöpfung der Menschen" (5,1), obwohl bereits Väter und Grossväter vorhanden waren. Aber diese, meinte er, seien die Stammväter des gemischten Geschlechts, jener aber (Enos) der Stammvater des reinen und geläuterten, das wirklich vernunftbegabt ist. Denn wie Homer, obwohl es unzählige Dichter gibt, vorzugsweise „der Dichter" genannt wird, und das, womit wir schreiben, Schwärze (Der griechische Ausdruck für „Tinte" ist τό μέλαν (das Schwarze).), wiewohl alles, was nicht weiss ist, schwarz ist, und Archon in Athen der Eponymos (d. hl. der, nach dem das Jahr benannt wird.) und erste von den neun Archonten, nach dem die Zeiten gezählt werden, ebenso nannte er (Moses) den Hoffenden vorzugsweise „Mensch" und ging schweigend über die Menge der übrigen hinweg, wie wenn sie nicht würdig wären, an derselben Benennung teilzuhaben. Treffend aber sagt er auch: „das Buch der Schöpfung des wahrhaften Menschen"; nicht ohne Grund, denn der Hoffnungsfrohe verdient ein schriftliches Denkmal und Gedächtnis, nicht das Gedächtnis in Büchern, die von Motten zerfressen werden, sondern in der unsterblichen Natur, bei der die tugendhaften Werke verzeichnet bleiben. Zählt man aber von dem Ersten und Erdgeborenen (Adam) ab, so findet man, dass der von den Chaldäern Enos und in griechischer Sprache „Mensch" Genannte der vierte ist (Da Seth als Ersatz für Abel bezeichnet ist, so zählt Philo wohl folgendermassen: Adam, Kain, Seth, Enos.). Unter den Zahlen steht aber die Vier auch bei den andern Philosophen in Ehren, die die unkörperlichen und rein geistigen Substanzen lieben, am meisten aber bei dem allweisen Moses, der die vierte Zahl preist und von ihr sagt, dass sie „heilig und lobenswert" ist (3 Mos. 19,24) (Die Septuaginta übersetzt קהִלּוּלִ֖ים קֹ֥דֶשׁ durch αγιος αίνετός. Philo bezieht die von der Frucht des vierten Jahres gebrauchten Worte mit auf die Zahl vier.). Aus welchen Gründen sie so bezeichnet wurde, ist in dem vorhergehenden Buche gesagt (Vgl. Über die Weltschöpfung § 47 ff.). Heilig aber und lobenswert ist auch der Hoffnungsfrohe, wie im Gegenteil der Hoffnungslose unheilig und tadelnswert ist, da in allen Dingen die Furcht seine böse Ratgeberin ist; denn nicht, sagt man, sind zwei Dinge einander so feind, wie Furcht und Hoffnung, und mit Recht; beides nämlich ist Erwartung, aber Hoffnung ist die Erwartung des Guten, Furcht dagegen die des Bösen, ihre Naturen aber sind unversöhnlich und unvereinbar.
