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Weshalb also sollte man jenen (Abraham) preisen, als ob er eine völlig neue Tat zuerst vollbracht hätte, da doch sowohl gewöhnliche Leute als auch Könige und ganze Völker sie zu Zeiten vollbringen? Auf solchen scharfen Tadel habe ich folgendes zu erwidern. Von denen, die ihre Kinder opfern, tun es die einen auf Grund einer bestehenden Sitte, wie man es von einigen Barbaren sagt, die anderen aus unangenehmen und wichtigen Gründen, wenn Staaten und Länder glauben auf andere Weise sich nicht helfen zu können; einige von diesen geben ihre Kinder notgedrungen hin, weil sie von den Mächtigen dazu gezwungen werden, andere weil sie nach Ruhm und Ehre und nach einem guten Namen bei der Mit- und Nach welt streben. Die Menschen nun, die auf Grund einer Sitte opfern, tun augenscheinlich nichts Grosses; denn eine eingewurzelte Sitte ist oft einer Naturanlage gleich, so dass sie selbst Unerträgliches leicht ertragen lässt und auch ein Übermass von Schrecklichem mildert. Jene aber, die aus Furcht (ihre Kinder) hingeben, verdienen kein Lob; denn Lob gebührt nur freiwilliger Pflichterfüllung, was aber ungern geschieht, wird anderen Ursachen zugeschrieben, entweder gewissen Zeitumständen oder Zufälligkeiten oder von Menschen ausgeübtem Zwang. Wenn aber jemand aus Ruhmsucht einen Sohn oder eine Tochter hingibt, so darf er wohl mit Recht eher getadelt als gelobt werden, da er mit dem Tode der von ihm am meisten Geliebten Ehre erkaufen will, die er vielmehr, wenn er sie besitzt, zum Heile seiner Kinder preisgeben müsste. Zu untersuchen wäre also, ob Abraham durch irgend eine der genannten Ursachen bewogen seinen Sohn opfern wollte, ob einem Brauche zufolge oder aus Ehrgeiz oder aus Furcht. Einen Brauch, Kinder zu opfern, kennt Babylon und Mesopotamien und das Chaldäervolk nicht, wo er aufgewachsen war und längere Zeit gelebt hat, so dass man etwa annehmen könnte, er sei von einer durch den fortwährenden Anblick solcher Greueltaten ziemlich abgestumpften Vorstellung des Schlimmen beherrscht gewesen. Aber auch Furcht vor Menschen war es nicht, denn von dem ihm allein erteilten göttlichen Befehl wusste ja niemand; auch hatte sich kein allgemeines Unglück ereignet, dessen Abwendung durch die Opferung des ausgezeichneten Sohnes herbeigeführt werden sollte. Oder trieb ihn das Verlangen nach dem Lob der Menge zu seiner Tat? was für ein Lob war denn in der Wüste zu erlangen, da doch niemand zugegen war, der ihn hätte rühmen können, da er sogar die zwei Diener absichtlich in einiger Entfernung zurückgelassen hatte, damit es nicht den Anschein habe, als ob er prahlen und sich brüsten wolle, wenn er Zeugen seiner frommen Tat mitbrachte?
