38.
Wir haben nun die lobende Darstellung (der hl. Schrift), insofern es sich um den Menschen handelt, nach ihrem Wortsinn betrachtet; da aber nach denen, die ausser dem buchstäblichen Sinn einen geistigen (allegorischen) annehmen, zugleich seelische Erscheinungen darin ausgedrückt sind, so dürfte es angemessen sein, auch diese zu untersuchen. Solcher gibt es unzählige, die aus unzähligen Gründen in Handlungen mannigfacher Art vorkommen; hier sollen aber nur zwei beurteilt werden, von denen die eine älter, die andere jünger ist; die ältere hält das seiner Natur nach Erste und Herrschende in Ehren, die jüngere das Untertänige und was als das Letzte gelten muss. Älter sind nun und zum Herrschen berechtigt die Einsicht, die Besonnenheit, die Gerechtigkeit und die Tapferkeit, sowie alles, was zur Tugend gehört, und alle tugendhaften Handlungen; jünger dagegen Reichtum, Ruhm, Herrschaft und Adel, nicht der wahre, sondern der, den die Menge dafür hält, und alles übrige, was nach den seelischen und körperlichen (Gütern) den dritten Rang einnimmt, der zugleich der letzte ist (Philo unterscheidet, wie Aristoteles, drei verschiedene Güterklassen: seelische Güter (τά περί ψυχήν, die Tugenden), körperliche Güter (τα περί σώμα, Gesundheit, Schönheit, Stärke) und die äusseren Güter (τά έκτος, Reichtum, Ehre, Ruhm, edle Abstammung). Die Geringschätzung der äusseren Güter ist besonders stoische Anschauung.). Jeder dieser beiden Charaktere hat gewissermassen Herden im Besitz; der eine, der nach den äusseren Gütern verlangt, hat Silber, Gold, Gewänder, überhaupt alles was zum Reichsein gehört, ferner Waffen, Kriegsmaschinen, Kriegsschiffe, Reiterei und Fussvolk und Seemacht, die Mittel zur Herrschaft, durch die die Macht gesichert wird; der andere, der das sittlich Gute liebt, hat die zu jeder Tugend gehörigen Grundsätze und die Lehren der Weisheit selbst. Über beide sind Aufseher gesetzt, sowie Hirten über Herden; die Aufseher der äusseren Güter sind die Streber nach Geld und Ruhm, nach Feldherrnwürde und nach Herrschaft über die Volksmassen; die Aufseher der seelischen Güter sind alle, die die Sittlichkeit und die Tugend lieben, die nicht die unechten Güter den echten, sondern die echten den unechten vorziehen. Es entsteht nun ein natürlicher Streit zwischen ihnen, da sie in keiner Sache derselben Meinung sind, sondern stets über die wichtigste Angelegenheit im menschlichen Leben mit einander uneins sind und streiten, nämlich über die Schätzung der wahren Güter. Eine Zeitlang hat die Seele gekämpft und diesen inneren Aufruhr durchgemacht, da sie noch nicht völlig geläutert war und ihre Leidenschaften und Krankheiten noch das Übergewicht hatten über die gesunden Gedanken; sobald sie jedoch anfängt mächtiger zu werden und das Bollwerk der entgegengesetzten Meinungen mit stärkerer Kraft zu zerstören, bekommt sie Flügel und wird von mutiger Gesinnung erfüllt und sondert die Sinnesart in ihr, die die äusseren Mittel bewundert, ganz aus und verabschiedet sie und sagt, als ob sie sich mit ihr wie mit einem Menschen unterhielte: du kannst unmöglich mit dem Freunde der Weisheit und Tugend zusammenleben und verbunden sein; gehe also, wandre weiter und entferne dich, da du keine Gemeinschaft mit ihm hast und sie auch nicht haben kannst; denn alles, wovon du glaubst, dass es rechts liegt, das liegt nach seiner Meinung links, und was dir hingegen links erscheint, das hält er für rechts.
