32.
Über die Erscheinung (der Engel) und über die gerühmte vortreffliche Bewirtung, wobei der Gastgeber zu bewirten schien und (eigentlich) bewirtet wurde, haben wir in gründlicher Erörterung der Stelle, soweit es uns möglich war, gesprochen. Aber eine sehr bedeutsame Tat, die wert ist vernommen zu werden, dürfen wir nicht verschweigen; denn fast möchte ich behaupten, sie übertrifft alle gottgefälligen Werke. Es soll jedoch nur das Hauptsächlichste darüber gesagt werden. Ein ehelicher Sohn wird dem Weisen von seiner Gattin geboren, ein geliebter einziger Sohn, der mit allen Vorzügen des Körpers und der Seele ausgestattet war; denn er zeigte bald Tugenden eines reiferen Alters, so dass der Vater ihn mit grosser Zärtlichkeit liebte, nicht nur aus natürlicher Zuneigung, sondern auch, wie ein Sittenrichter, auf Grund eines bestimmten Urteils (Ebenso beginnt Josephus Altert. I § 222 die Erzählung von der Opferung Isaaks mit der Bemerkung, dass Isaak wegen seiner Tugenden die zärtliche Liebe seiner Eltern ganz besonders verdiente.). In solcher Gesinnung erhielt er plötzlich und ganz unerwartet den göttlichen Befehl, seinen Sohn auf einem hochgelegenen Hügel weit von der Stadt, drei Tagereisen entfernt, zu opfern. Obwohl er nun mit unsagbarer Liebe an seinem Kinde hing, wechselte er weder die Farbe noch zuckte er in der Seele zusammen; ohne zu wanken, blieb er in seinem festen und unerschütterlichen Glauben wie zuvor; von der Liebe zu Gott beherrscht, überwand er mit aller Kraft alle verwandtschaftliche Liebe und Zärtlichkeit, sagte keinem von seinen Hausleuten etwas von dem göttlichen Auftrag, nahm aus seiner zahlreichen Dienerschaft nur die zwei ältesten und ihm besonders ergebenen Haussklaven und zog mit ihnen und mit seinem Sohne wie zu einer der üblichen Opferhandlungen aus. Als er den ihm bestimmten Ort wie von einer Warte von weitem erblickte, befiehlt er den Dienern zurückzubleiben und gibt seinem Sohne das Feuer und das Holz zu tragen, da er es für angemessen hielt, dass das Opfer selbst mit den zum Opfern nötigen Dingen beladen wird; eine nicht so schwere Bürde, denn nichts macht weniger Mühe als die Frömmigkeit. Indem sie nun in gleichem Schritt, nicht sowohl mit dem Körper als vielmehr mit dem Geiste, den kurzen Weg hinaufschritten, dessen Ziel ein frommes Werk war, langten sie an dem befohlenen Orte an. Sodann trug der Vater Steine zusammen, um einen Altar zu bauen, der Sohn aber, der sah, dass alles andere, was zur Opferung gehört, bereit lag und nur kein Tier vorhanden war, blickte den Vater an und sprach: „siehe, da ist das Feuer und das Holz, Vater, doch wo ist das Opfertier"? Über solche Worte wäre wohl ein anderer, der weiss, was er tun soll, und es in seiner Seele verbirgt, ganz bestürzt in Tränen ausgebrochen und hätte, wenn er auch schwieg, durch seine heftige Gemütsbewegung verraten, was geschehen sollte. Er aber erfuhr keine Erschütterung, weder eine körperliche noch eine seelische; mit festem Blick und festem Sinn antwortete er auf die Frage und sagte: „mein Kind, Gott wird sich selbst ein Opfer ersehen, auch in weiter Einöde, wo ein solches, wie du vielleicht denkst, nicht zu finden ist; denn wisse, Gott ist alles möglich, auch was bei den Menschen schwierig und unmöglich ist". Und während er dieses sagte, ergriff er rasch den Knaben, legte ihn auf den Altar, zog mit der Rechten das Schwert und legte es an, um ihn zu töten; aber Gott der Retter trat dazwischen und verhinderte die Tat durch eine Stimme vom Himmel, durch die er ihm befahl, inne zu halten und den Knaben nicht anzurühren; zweimal rief er den Vater bei seinem Namen, damit er sich umwende und so abgelenkt und gehindert werde die Opferung auszuführen.
