14.
Als ihn ein göttlicher Befehl traf, das Vaterland, die Verwandtschaft und das väterliche Haus zu verlassen und auszuwandern, beschleunigte er die Abreise, wie wenn er aus der Fremde in die Heimat zurückkehrte und nicht vielmehr aus der Heimat in die Fremde ziehen sollte; denn er hielt die schnelle Ausführung des Gebotenen für gleichbedeutend mit der vollständigen Erfüllung. Welcher andere wäre wohl so fest und unerschütterlich, dass er sich von der Liebe zu den Verwandten und zum Vaterlande nicht leiten liesse und ihr nachgeben würde, da doch die Liebe zu diesen einem jeden gewissermassen angeboren ist und mit ihm wächst und noch mehr oder nicht weniger als die einzelnen Gliedmassen zunimmt? Zeugen dessen sind die Gesetzgeber, die als zweite Strafe nach der Todesstrafe für die der schwersten Verbrechen überführten die Verbannung festgesetzt haben, eine Strafe, die, wie mir scheint, vor dem Richterstuhl der Wahrheit nicht den zweiten Rang einnimmt, sondern viel schwerer ist, da doch der Tod das Ende unglücklicher Verhältnisse ist, die Verbannung dagegen nicht das Ende, sondern der Anfang neuer Leiden, indem sie statt eines schmerzlosen Todes vielfachen Tod und zwar mit Schmerzempfindung herbeiführt. Manche begeben sich auf die See entweder zu Handelszwecken aus Gewinnsucht oder in der Eigenschaft als Gesandte oder aber um aus Liebe zur Wissenschaft die Einrichtungen in der Fremde zu betrachten; die einen haben als treibenden Grund, auswärts zu verweilen, den Handelsgewinn, die andern den Zweck, ihrem Vaterlande zuzeiten in bedrängter und schwieriger Lage zu nützen, die zuletzt genannten aber die Erforschung von vorher unbekannten Dingen, die der Seele Vergnügen und Nutzen verschafft; denn wie Blinde zu scharf Sehenden, so verhalten sich solche, die nie eine Reise gemacht haben, zu Vielgereisten. Alle aber sehnen sich doch danach, den vaterländischen Boden wiederzusehen und zu begrüssen, die Angehörigen zu umarmen und den freudigen und ersehnten Anblick der Verwandten und Freunde zu geniessen; und häufig, wenn sie sehen, dass ihre Geschäfte, um derentwillen sie die Heimat verlassen haben, sich in die Länge ziehen, lassen sie, von gewaltiger Sehnsucht nach den Angehörigen getrieben, alles im Stichl. Abraham aber zog sogleich, wie es ihm befohlen wurde, mit wenigen oder auch allein hinaus und wanderte mehr mit der Seele als mit dem Körper, da himmlische Liebe über seine Zuneigung zu Sterblichen den Sieg davontrug. Er kümmerte sich also um niemand, nicht um Stammes- und Volksgenossen, nicht um Gefährten und Freunde, nicht um Blutsverwandte von väterlicher oder mütterlicher Seite, nicht um Vaterland, nicht um frühere Sitten, nicht um Verkehr und Umgang, lauter Dinge, die den Menschen anlocken und von denen er sich nicht leicht losreisst, da sie eine stark anziehende Kraft haben; aus freiem und ungehemmtem Antriebe zieht er so schnell als möglich von dannen, zuerst aus dem Cbaldäerlande, einer glücklichen und zu jener Zeit blühenden Gegend, in das Land der Charräer (1 Mos. 11,31. 12,5), nicht lange darauf aus diesem wieder an einen andern Ort, über den wir sprechen werden, nachdem wir vorher noch folgendes angeführt haben.
