Neun und zwanzigstes Kapitel.
1. Wie nun Konstantinus sich im Besitze der Alleinherrschaft fand, verbarg er seine natürliche schlimme Denkungsart nicht länger, sondern handelte überall nach Gewalt. 2. Zwar blieb er noch bei dem väterlichen Gottesdienste, weniger aus Ehrfurcht, als Noth; weswegen er auch den Wahrsagern Zutrauen schenkte, aus Erfahrung, daß sie in Rücksicht aller seiner, mit gutem Erfolge verrichteten, Thaten, die Wahrheit gesagt hatten. 3. Nachdem er aber voll Uebermuths zu Rom angekommen war, begann er seine Gottlosigkeit gegen seine eigene Familienreligion, 4. indem er seinen, wie vorher bemerkt, zum Cäsar ernannten Sohn Crispus aus Verdacht eines Umgangs mit seiner Stiefmutter, Fausta, ohne Rücksicht auf die Bande der Natur, umbrachte. 5. Helena, Konstantins Mutter, empfand diese Handlung übel und härmte sich sehr über die Ermordung des Prinzen; Konstantinus aber heilte, gleichsam als wollte er sie trösten, ein Uebel mit einem noch größern. 6. Denn er schloß Fausta in ein unmäßig angeheiztes Bad, aus welchem sie todt herausgetragen wurde. Solcher Thaten und überdieß falscher Eidschwüre sich bewußt, begehrte er von den Priestern Aussühnung seiner Verbrechen. Auf ihre Antwort, daß es keine S. 169 Reinigungsweise für solche Gottlosigkeiten gebe, gelangte ein gewisser Aegyptier, welcher in Spanien gewesen, und mit dem Hoffrauenzimmer bekannt war, zu einer Unterredung mit Konstantinus, und versicherte ihn: die Christliche Lehre tilge alle Sünden, und enthalte die Verheißung, daß die Gottlosen, welche dieselbe annähmen, sogleich von aller Sünde gereinigt würden.1 8. Diese Nachricht nahm Konstantinus sehr begierig an, verließ seinen väterlichen Gottesdienst, hielt sich an dasjenige, was der Aegyptier ihm beibrachte, und machte den Anfang seiner Irreligion damit, daß er die Wahrsagerei für verdächtig hielt. Denn weil ihm vermittelst derselben vieles Glück, welches sich durch die That bewährete, voraus verkündiget wurde, so besorgte er, es möchte auch andern, die zu seinem Nachtheile etwas erforschten, die Zukunft voraus eröffnet werden. Und in dieser Absicht entschloß er sich zu deren Zerstörung. 10. Als aber nun an einem gewissen vaterländischen Feste2 S. 170 die Nothwendigkeit erforderte, daß die Reiterei aufs Kapitolium zog, stieß er unverschämte Spöttereien gegen diesen Zug aus; trat die Heiligkeit des Gottesdienst gleichsam mit Füßen, und lud hierdurch den Haß des Senats und des Volks auf sich.
Die besondere Veranlassung zur Bekehrung, oder besser zum Uebertritte Konstantins zur christlichen Religion, ist verschieden erzählt worden. Was indessen Zosimus davon sagt, trägt sichtbare Spuren der Unrichtigkeit an sich. Der Raum, welchen die Anmerkung bei einer Geschichtserzählung vergönnt, ist zu eingeschränkt, als daß hier diese so bestrittene Sache könnte auseinander gesezt werden. Am Ende der Uebersetzung soll dieses in einer besondern Abhandlung: Ueber Konstantins Uebertritt zum Christenthum, ausführlich geschehen. ↩
Bei den Kapitolinischen Spielen. ↩
