Vier und dreißigstes Kapitel. Neuer Einfall der Barbaren in Griechenland.— Alarich flüchtet zu Theodosius. ― Verschiedene glückliche Vorfälle für den Kaiser.
S. 56 1. Während Theodosius sich mit dergleichen Dingen beschäftigte, schickte der Kaiser Gratianus den in Illyrien befindlichen Legionen den Bitalianus als Feldherrn, zu — einen Mann, der dem nothleidenden Staate nicht zu helfen im Stande war. 2. Während seiner Anführung drängten zwei Abtheilungen der Germanen jenseits des Rheins, die eine unter ihrem Führer Fritigernus, die andere vom Allothus1 und Saphrax befehligt, die Keltischen Völker so sehr, daß sie den Kaiser Gratianus in die Nothwendigkeit versetzten, ihnen, wenn sie Gallien verließen2, zu gestatten, daß sie über S. 57 dem Ister in Pannonien und Obermösien sich niederließen3. 3. Denn er dachte izt nur darauf, sich von ihren beständigen Einfällen zu befreien. 4. Auf dieses hin schifften sie sich auf dem Ister ein und hatten im Sinne, durch Pannonien nach Epirus zu gehen, über den Achelous zu setzen, und die griechischen Städte anzugreifen: vorher aber glaubten sie, sich Proviant anschaffen, und den Athanarich, das Haupt des ganzen Skythischen Königsstammes, entfernen zu müssen, damit sie niemand im Rücken hätten, der ihre Unternehmung hindern könnte. 5. Als sie ihn nun angriffen, vertrieben sie ihn ohne Mühe aus den Gegenden, in denen er sich aufhielt. Er eilte zum Theodosius, der eben erst von einer Krankheit frei wurde, die sein Leben zweifelhaft gemacht hatte. 6. [J. 380.] Der Kaiser nahm denselben mit den Barbaren in seinem Gefolge liebreich auf, gieng ihm weit vor Konstantinopel entgegen, und bestattete ihn, als er gleich hernach starb, mit königlichem Pompe. S. 58 7. Der Aufwand bei diesem Begräbnisse war so groß, daß die Skythischen Barbaren, erstaunt über solche Pracht, nach Hause zurück giengen, und, voll Verwunderung über des Kaisers Gutmüthigkeit, die Römer nicht mehr beunruhigten; und alle, die bei seinem Tode gegenwärtig gewesen waren, bewachten nun das Ufer so standhaft, daß sie die Einfälle ins Römische Gebiete auf lange Zeit abhielten. ― 8. [J. 381.] Um eben diese Zeit ereigneten sich auch andere glückliche Zufälle für den Theodosius. Denn er überwand die Skyrer4 und Karpodaker5, die sich mit den Hunnen vereinigt hatten, und zwang sie, nach der Niederlage, daß sie wieder über den Ister giengen, und in ihre Wohnungen zurückkehrten. 9. Dadurch schienen auch die Soldaten wieder Muth zu gewinnen, und der Staat von den erlittenen Unglücksfällen sich zu erholen6. Der Landmann konnte das Land wieder mit Sorgfalt bauen, und Pferde und andere Heerden ohne Furcht weiden.
Ammian nennt ihn Alotheus, und Jornandes, Alatheus. ↩
Die Sache, die hier etwas undeutlich ist, hängt auf folgende Art zusammen. „Nach dem Tode des Valens waren die Gothen, die hier Z. im weitläufigen Sinne Germanen nennt, unter der Anführung des Fritigern, Allothus und Saphrax, bis an die Julischen Alpen vorgedrungen, wurden aber von Theodosius im J. 379. zurückgetrieben, und über den Ister wieder heim zu gehen gezwungen. Auf die Nachricht von seiner Krankheit (§. 5.) giengen sie in zwei Haufen wieder über den Strom, so daß Fritigern sich gegen Thessalien, Epirus und Achaia wandte, die andern unter dem Alatheus und Saphrax Pannonien anfielen. Als Gratinanus es in Gallien erfuhr, wohin er um der Vandalen willen gezogen war, brachte ers mehr mit Geschenken, als durch Gewalt der Waffen dahin, daß sie abließen. Nach seiner Genesung bestätigte Theodosius den geschlossenen Frieden.“ ↩
Reitemeier versteht diese Stelle so: „Daß ihnen nur der ungehinderte Zug durch Pannonien und Obermösien gestattet seyn sollte, damit sie über den Ister gehen könnten.“ Indessen scheint doch in Z. etwas Verwirrung der Zeitumstände und Auftritte zurück zu bleiben. ↩
Die von den entferntesten Ufern der Weichsel her kamen. ↩
Wahrscheinlich Karpier, die in Dacien wohnten. ↩
Es ist hier eine kleine Lücke im Texte, welche die Herausgeber nicht auszufüllen suchten. Vielleicht fehlt τὰ πράγματα [ta pragmata], wie ich übersetzt habe. ↩
