Fünf und dreißigstes Kapitel. Sieg des Promotus — Empörung des Maximus und Tod des Gratianus.
[J. 383.] 1. So schien Kaiser Theodosius die empfangenen Wunden zu heilen! Promotus aber, S. 59 Feldherr des Fußvolks in Thrakien, zog dem Oedotheus, der eine große Macht, nicht nur von den am Ister wohnenden, sondern sogar von den entferntesten und unbekannten Völkern gesammelt hatte, mit seinem Heere anrückte, und schon über den Fluß gegangen war, mit dem Fußvolke und Bramen1 entgegen, und richtete eine solche Niederlage an, daß der Strom mit Leichnamen angefüllt wurde, und die auf dem Lande Gefallenen nicht leicht gezählt werden konnten.2
2. Während dieses Zustandes der Sachen in Thrakien umgab den Gratianus keine geringe Gefahr, der er nicht leicht entrinnen konnte. 3. Denn er gab denen, die an dem Hofe den Charakter der Kaiser zu verderben pflegten, so sehr Gehör, daß er einige Uebergänger von den Alanen aufnahm, sie dem Heere einverleibte, mit reichlichen Geschenken beehrte, und ihnen die wichtigsten Geschäfte anvertraute, ohne auf seine Soldaten zu achten. 4. Dieses erregte den Haß der Soldaten gegen den Kaiser, der in kurzer Zeit so sehr sich entzündete und vergrößerte, daß er Begierde zu Aufruhr in den Soldaten erweckte, und zwar bei allen, vorzüglich aber bei denen, die in den Britannischen Inseln lagen, als die vorzüglich vor andern dem Trotze und Zorne sich zu überlassen pflegten. 5. Noch mehr reitzte sie Maximus, ein Iberier von Geburt, der S. 60 einst mit dem Theodosius Feldzüge in Britannien gemacht hatte. 6. Er zürnte, daß Theodosius mit der Kaiserwürde geziert worden, er hingegen zu keiner ansehnlichen Stelle vorgerückt war. Daher erweckte er den Haß der Soldaten gegen den Kaiser noch mehr. 7. [J. 383.] Sie ließen sich wirklich leicht zum Aufstande bewegen, ernannten den Maximus zum Kaiser, zierten ihn mit dem Purpurgewande und Diadem, schifften über den Ocean, und landeten in den Mündungen des Rheins. 8. Da die Heere in Germanien, und auch, die weiter rückwärts stunden, mit seiner Ausrufung3 sehr zufrieden waren, so erhub sich nun Gratianus gegen ihn zum Kampfe, und sahe einen großen Theil der Soldaten auf seiner Seite. 9. Beide Heere näherten sich einander, und lieferten sich fünf Tage lang Scharmützel. Wie aber Gratianus sahe, daß zuerst die ganze Mauritanische Reiterei von ihm abfiel, und den Maximus zum Kaiser ausrief, hernach auch die anderen nach kurzer Zeit auf seine Seite traten, so verzweifelte er, nahm nur dreihundert Reiter mit sich, und flohe eilends mit denselben nach den Alpen. 10. Er fand sie unbesetzt,4 und gieng durch Rhätien und S. 61 Norikum nach Pannonien und Obermösien. Maximus war bei seiner Flucht nicht gleichgültig, sondern schickte den Andragathius, Anführer der Reiterei, 11. der am Pontus Euxinus zu Hause war, und gut gegen ihn gesinnt zu seyn schien, mit den stärksten Pferden zu seiner Verfolgung nach. 12. Andragathius verfolgte ihn so anhaltend, daß er ihn einholte, wie er eben über die Brücke bei Sigidunum5 gehen wollte, und umbrachte. So befestigte er die Regierung des Maximus!
Scapha latior in fluviis ad vehenda onera. Frisch. ↩
Claudian (auf das 4. Konsul. des Honorius V. 623. f.) nennt den Anführer, Odothäus. ↩
Zum Kaiser. ↩
Wenn die Alpen unbesezt waren, warum gieng Gratianus nicht über dieselben, sondern nur an ihnen hin? Die Muthmaßung der Herausgeber scheint also gegründet, daß man entweder οὐκ ἀφυλ. [ouk aphyl.] oder εὐφυλ. [euphyl.] lesen muß. ↩
Die Erzählung des Autors von der weitern Flucht des Gratianus und seiner Ermordung bei Sigidunum widerspricht so sehr allen andern Nachrichten, daß man wohl zugeben muß, er habe sich hier geirrt. Gratianus flohe aus der Gegend von Paris nach Lugdunum (Lyon), und hier wurde er umgebracht. ↩
