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Wir haben nun über des zuerst geschaffenen Menschen seelische und körperliche Schönheit, wenn auch für ihr wahrhaftes Wesen viel zu wenig, so doch das, was in unseren Kräften stand, gesagt. Seine Nachkommen aber, die seine Eigenart teilen, müssen auch die Merkmale der Ver-wandtschaft mit dem Ahnherrn, wenn auch getrübt, bewahren. Worin aber besteht diese Verwandtschaft? Jeder Mensch ist hinsichtlich seines Geistes der göttlichen Vernunft verwandt, da er ein Abbild, ein Teilchen, ein Abglanz ihres seligen Wesens ist; in dem Bau seines Körpers aber gleicht er der ganzen Welt; denn er ist eine Mischung aus denselben Elementen, aus Erde, Wasser, Luft und Feuer, indem jedes Element seinen Teil beitrug zur vollständigen Herstellung des hinreichenden Stoffes, den der Schöpfer nehmen musste, um dieses sichtbare Abbild zu formen (Der Gedanke kehrt oft bei Philo wieder, dass bei der Bildung des Menschen kleine Teilchen von jedem der vier Elemente, aus denen die ganze
Welt zusammengesetzt ist, zur Anwendung kamen. Er stammt aus der pythagoreischen Lehre vom Makrokosmos und Mikrokosmos (oben S. 57). Vgl. auch Sanhedr. f. 38a: Alk XXXXXXX „R. Meir sagte: der Staub, aus dem der erste Mensch geschaffen wurde, war aus der ganzen Welt zusammengebracht". Pirke R. Elieser c. 11. Dieselbe Vorstellung findet sich auch in der syrischen Literatur. In dem syrischen Adambuch „Die Schatzhöhle" S. 3 (ed. Bezold) wird erzählt, dass Gott von jedem der vier Elemente ein sehr kleines Teilchen nahm und daraus Adam bildete, damit alles, was in der Welt ist, ihm untertänig sei. In dem „Buch von der Erkenntnis der Wahrheit" (übers. von Kayser) S. 35 heisst es wie bei Philo, dass der Mikrokosmos (der Mensch) aus denselben vier Elementen besteht, aus denen der Makrokosmos zusammengesetzt ist.). Ferner lebt er in allen den genannten Elementen wie in eigenen und vertrauten Bäumen, er ändert seinen Wohnsitz und betritt bald dieses bald jenes Element, so dass man wirklich sagen kann: der Mensch ist alles, Land-, Wasser-, Luft- und Himmelsbewohner; denn insofern er auf Erden wohnt und wandelt, ist er ein Lehewesen des Landes, insofern er untertaucht und schwimmt und häufig das Meer befährt, ein Bewohner des Wassers — Kauffahrer, Schiffsherren, Purpurfischer und alle, die auf Austern- und Fischfang ausgehen, sind ein deutlicher Beweis dafür —; insofern aber der Körper von der Erde emporsteigt und sich in die Höhe schwingt, darf man den Menschen einen Luftwanderer nennen; endlich aber ist er auch ein Himmelsbewohner, da er durch das Sehvermögen, den vorzüglichsten der Sinne, der Sonne, dem Monde und jedem andern Gestirne, den Planeten und Fixsternen, sich nähert (Die zuletzt erwähnte Eigenschaft des Menschen bezieht sich auf das vierte Element, das Feuer, weil der Äther oder Himmel in der antiken Vorstellung als aus Feuer bestehend gedacht wurde.).
