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Treffend schreibt er auch dem ersten Menschen die Namengebung zu; denn Sache der Weisheit und Königswürde ist dies; ein Weiser aber war er durch Selbstunterricht und durch eigene Belehrung, da er von Gottes Hand geschaffen war, und auch ein König; dem Herrn aber kommt es zu, jedem seiner Untergebenen einen Namen zu geben. Eine ausserordentliche Herrschermacht umgab aber natürlich den ersten Menschen, den Gott mit Sorgfalt gebildet und des zweiten Ranges gewürdigt hat, indem er ihn zu seinem Statthalter und zum Herrn über alle übrigen Geschöpfe einsetzte, da doch auch die um so viele Generationen später lebenden
Menschen, wiewohl unser Geschlecht infolge des langen Zeitraumes schon sehr geschwächt ist, nichtsdestoweniger noch über die unvernünftigen Geschöpfe gebieten und gleichsam
die vom ersten Menschen überkommene Fackel der Herrschermacht bewahren (Das Bild ist hergenommen von dem Fackelwettlauf, der verschiedenen Göttern zu Ehren (besonders in Athen) veranstaltet wurde, und bei dem es darauf ankam, eine Fackel noch brennend zuerst ans Ziel zu bringen; die einzelnen Teilnehmer der wettkämpfenden Parteien waren in bestimmten Entfernungen aufgestellt und ein jeder hatte im schnellsten Lauf seine Fackel, ohne sie ausgehen zu lassen, dem nächsten zu übergeben. Ähnlich wie diese Fackelträger vererben gewissermassen die Menschen die göttliche Fackel ihrer Herrschaft über die anderen Geschöpfe ihren Nachkommen.). Er sagt also, dass Gott alle Tiere zu Adam hinführte, da er sehen wollte, welchen Namen er jedem beilegen würde (1 Mos. 2,19), nicht weil er in Zweifel darüber war — denn nichts ist Gott unbekannt —, sondern weil er wusste, dass er die Denkkraft im Menschen mit selbständiger Bewegung ausgestattet hatte, um nicht selbst Anteil am Bösen zu haben (d. hl. dem Menschen ist selbständiges Denken (und Willensfreiheit) verliehen, damit die Fehler, die er begeht, nicht auf Gott zurückgeführt werden können (s. ob. § 75 Anm.)). Er prüfte ihn, wie ein Lehrer den Schüler, indem er die in der Seele ruhende Fähigkeit erweckte und sie zu einem der ihr obliegenden Geschäfte berief, damit er aus eigener Kraft die Namen gebe, nicht ungehörige und unpassende, sondern solche, die die Eigenschaften der Dinge sehr gut zum Ausdruck bringen. Denn da die Denkkraft in der Seele noch ungetrübt war und noch keine Schwäche oder Krankheit oder Leidenschaft eingedrungen war, so nahm er die Vorstellungen von den Körpern und Gegenständen in voller Reinheit in sich auf und gab ihnen die zutreffenden Namen, da er gut erriet, was sie bezeichneten, so dass an ihrer Benennung zugleich auch ihr Wesen erkannt werden konnte. So war er in allem Schönen ausgezeichnet und gelangte bis hart an das Endziel menschlicher Glückseligkeit.
