Vier und dreißigstes Kapitel. Ermordung des Stilicho.
S. 168 1. Indessen Stilicho unentschlossen war, wollten die Barbaren ausführen, was vorher von ihnen beschlossen war, konnten ihn aber von dem Entschlusse, den er nachher gefaßt hatte, nicht ablenken. Da sie nun ihn nicht bereden konnten, wollten sie an verschiedenen Orten abwarten, bis sich die Gesinnung des Kaisers in Ansehung des Stilicho deutlicher zeigte. 2. Sarus aber, der an körperlicher Stärke und Ansehen vor allen Bundsgenossen sich, auszeichnete, tödtete mit den ihm untergebenen Barbaren alle Hunnen, die sich immer an den Stilicho anschlossen im Schlafe, und bemächtigte sich seines ganzen Geräthes, das ihm folgte, und gieng dann zu seinem Gezelte, im dem er sich aufhielt, um über die Zukunft nachzudenken. 3. Weil nun die Barbaren mit ihm uneinig waren, gieng er nach Ravenna, und ermahnte die Städte, in denen Weiber und Kinder der Barbaren waren, niemand aufzunehmen, wer von den Barbaren eingelassen seyn wollte. 4. Olympius aber hatte sich indessen der Gesinnungen des Kaisers völlig bemächtigt, und schickte an die Soldaten in Ravenna ein kaiserliches Schreiben, das befahl, den Stilicho zu ergreifen, doch ihn in einem freien Gefängnisse zu halten. 5. Auf diese Nachricht begab sich Stilicho, noch bei Nacht, in eine nahe Kirche der Christen. 6. Die Barbaren, die bei ihm S. 169 waren, und andere seiner Vertrauten, bewaffneten sich nun mit ihren Sklaven, und beobachteten, was geschehen sollte. 7. So bald es Tag wurde, giengen die Soldaten in die Kirche, und bekräftigten vor dem anwesenden Bischoff durch einen Eid: es seie ihnen vom Kaiser nicht befohlen, den Stilicho zu tödten, sondern nur, ihn zu bewachen. Als er nun aus der Kirche gieng, und unter der Wache der Soldaten war, brachte derjenige, der den ersten Brief des Kaisers übergeben hatte, einen zweiten: Stilicho solle seine Verbrechen gegen den Staat mit dem Tode büßen. 8. Während nun sein Sohn flohe, und nach Rom sich entfernte, wurde Stilicho zum Tode geführt. 9. Die Barbaren und die Hausgenossen und andere Vertrauten eilten, ihn von der Hinrichtung zu befreien. Er aber hielt sie durch Drohungen und Furcht von der Unternehmung ab, und reichte seinen Nacken selbst dem Schwerde dar — ein Mann, der bescheidener war, als alle, die in jener Zeit Gewalt besassen! 10. Denn ob er gleich mit einer Bruderstochter des ältern Theodosius vermählt war, und beide Söhne des Kaisers seiner Fürsorge anvertrauet waren, und er drei und zwanzig Jahre lang Feldherr gewesen war, setzte er doch nie einen Anführer der Soldaten um Geld ein, noch nutzte er die Proviantlieferungen für die Soldaten zu seinem Vortheile. Obgleich Vater eines einzigen Sohns, ließ er diesen doch nicht höher steigen, als bis zu S. 170 dem Amte eines Tribuns der Notarien1, und bekleidete ihn mit keiner höheren Gewalt. 12. Sein Tod ― damit die Liebhaber2 auch die Zeit wissen — fällt in das Konsulat des Bassus und Philippus, unter welchen auch der Kaiser Arkadius starb, auf den drei und zwanzigsten August.
