12.
S. 454 Wenn also Gott in seiner Güte zu den Menschen herabsteigt, so geschieht dieses nicht räumlich, sondern fürsorglich; und der Sohn Gottes war nicht nur damals1 , sondern ist immerdar bei seinen Jüngern und erfüllt so seine Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“2 . Und wie „die Ranke nicht Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstocke bleibt“ so können offenbar auch die Jünger des Wortes, die geistigen Ranken des wahren Weinstockes, nämlich des Wortes, die Früchte der Tugend nicht bringen, wenn sie nicht an dem wahren Weinstock bleiben3 , dem Gesalbten Gottes, der bei uns, die wir räumlich unten auf Erden weilen, zugegen ist, der überall bei denen ist, die fest an ihm hangen, und auch schon überall bei denen, die ihn nicht kennen. Das sagt uns Johannes der Evangelist, wo er die Worte Johannes des Täufers anführt, welcher spricht: „Mitten unter euch steht er, den ihr nicht kennt, der nach mir kommt“4 . Wenn also der, welcher den Himmel und die Erde erfüllt, welcher sagt: „Erfülle ich nicht den Himmel und die Erde? spricht der Herr“5 , bei uns ist und in unserer Nähe weilt - denn ich glaube seinen Worten, wenn er sagt: „Ich bin ein Gott, der nahe, nicht ein Gott, der ferne ist, spricht der Herr“6 -, so wäre es unvernünftig, wollten wir zu der Sonne beten, die nicht einmal überallhin dringt, oder zu dem Mond oder zu irgendeinem von den Sternen.
Es mag sein, dass „Sonne, Mond und Sterne“, um mich der eigenen Worte des Celsus zu bedienen, „Regen und Hitze und Wolken und Donner zum voraus verkünden“; muß man aber nicht dann, wenn sie solche Dinge voraussagen, Gott, in dessen Dienst sie es tun, eher und mehr anbeten und verehren als seine Propheten? Es mag auch wahr sein, dass sie „Blitze und Früchte und alle Erzeugnisse ankünden“,und dass sie S. 455 alle solche Dinge „in ihrer Verwaltung haben“; wir werden sie aber deshalb doch nicht anbeten, sie, die selbst anbeten, auch nicht den Moses und die Propheten, die nach ihm von Gott gesandt, weit bessere Dinge voraussagten als „Regen und Hitze und Wolken und Donner und Blitze und Früchte und alle die ErzeuGenisse“, die unsere Sinne wahrnehmen. Aber wenn auch „Sonne, Mond und Sterne“ bessere Prophezeiungen zu verkündigen haben als „Regengüsse“, so werden wir auch so diese Gestirne nicht anbeten, sondern den Vater und Urheber ihrer Weissagungen und das Wort Gottes, das zu ihrer Vermittlung dient.
Gesetzt auch, sie seien Gottes „Herolde“ und „wahrhaft himmlische Boten“: sind wir denn nicht auch in diesem Falle verpflichtet, Gott allein, den sie verkünden und ankünden, eher anzubeten als seine „Herolde und Boten“?
