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Was ich aber hier niederschreibe, das habe ich zum Teil von den Schülern des Heiligen gehört, die vor mir bei ihm waren, zum Teil von glaubwürdigen Männern, die von Anbeginn an den Spuren des Heiligen nachgeforscht haben, anderes aber hat der gute Hirte mir mit eigenem Munde erzählt, freilich nicht damit wir es aufzeichneten, denn er wünschte keinen Ruhm bei Menschen zu gewinnen, sondern schaute nur auf den Lohn Gottes. Einst meinte ein Schüler des Heiligen zur Aufrichtung und Erbauung der Gläubigen beizutragen, da er einen Maler kommen ließ und ihn oben in der Vorhalle des Eingangs der Kapelle die Begebenheit mit Kaiser Basiliskos, die wir an ihrer Stelle erzählen werden, darstellen hieß. Und sie versuchten auch, die Lebensbeschreibung des Heiligen aufzuzeichnen. Als das unser heiliger Vater hörte, wurde er sehr unwillig und befahl, das Bild zu beseitigen und die Handschrift ins Feuer zu werfen. So wenig wollte er Ruhm bei Menschen gewinnen.
Doch wir wollen wieder zu unserem Berichte zurückkehren. Als er in das Kloster getreten war, begrüßte er den Abt und die Brüder, und wartete dann auf seinen ehrwürdigen Begleiter. Als mehrere Stunden vergangen waren, meinten sie, er werde anderswo S. 6 eingekehrt sein und setzten sich zu Tisch. Aber bei Nacht erschien der Alte dem Daniel und sprach zu ihm: Ich sage dir nochmals, tu, was ich dir geraten habe! Am nächsten Morgen nach dem Psalmengesang sagte Daniel allen Lebewohl und machte sich auf nach Byzanz. So kam er nach Anaplus 451, einer kleinen Ortschaft am Bosporus, nahe bei der Kaiserstadt: daselbst ist ein Heiligtum des Erzengels Michael; in diesem verweilte er sieben Tage. Da hörte er, wie einige Leute auf syrisch sich erzählten, es sei da ein Tempel, in dem hausten Dämonen, und viele Schiffe brächten sie zum Scheitern und spielten vielen die vorüberkämen übel mit, so daß man dort nicht über Wegs gehen könne weder Abends noch des Mittags. Und wie sie alle so tagtäglich klagten ob der großen Gefährdung des Ortes, da fuhr der göttliche Geist in den Daniel, und ihm trat vor Augen der große Antonius, der Wegweiser der Askese, und sein Schüler Paulus, wie sie gegen Dämonen gekämpft und viele Versuchungen von ihnen erduldet und mit Christi Kraft sie überwunden hatten und sich herrliche Kränze errungen. Er fragte einen, der Syrisch verstand, nach jenem Tempel und ließ sich den Ort zeigen. Dann ging er bis zur Vorhalle des Tempels und betrat als wackerer Kämpfer unter Psalmengesang sein Inneres, schirmte sich mit der unbesiegbaren Waffe des Kreuzes und verrichtete in jeder Ecke des Gebäudes Kniebeugung und Gebet. Aber als die Nacht hereinbrach, da wurden - so erzählte er - Steine gegen ihn geschleudert und viele Stimmen lärmten und brüllten, doch er verharrte standhaft im Gebet. So brachte er die erste Nacht zu und auch die zweite, doch in der dritten, da er doch einmal ein Mensch war und Fleisch trug, übermannte ihn der Schlaf. Und nun kamen viele Spukgestalten über ihn von allerlei Riesen. Die schrieen ihn an: Wer hat dir aufgetragen hierher zu kommen, Unseliger? Nun mußt du eines schlimmen Todes sterben! Hierher, schleift ihn und werft ihn in den Strom! Und andere kamen wie mit großen Steinen und seilten sich ihm zu Häupten, als ob sie ihm den Kopf zerschmettem wollten. Da wachte der Athlet Christi auf und ging von einem Winkel des Tempels zum andern mit Beten und Psalmensingen, und den Geistern rief er zu : Weicht von hier sonst werdet ihr durch die Kraft des Kreuzes verbannt hinausfahren! Die aber polterten und heulten nur noch mehr.
