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Wir bemühen uns, keinem trefflichen Ausspruch gram zu sein, und wenn die Gegner unseres Glaubens S. 701 einen trefflichen Ausspruch tun, so wollen wir nicht mit ihnen streiten und auch das nicht zu widerlegen suchen, was der gesunden Vernunft entspricht. Auf die Worte des Celsus aber geben wir folgende Antwort. Der allmächtige Gott nimmt den Glauben des ungebildeten Mannes ebenso wohlgefällig an wie die verständige Frömmigkeit der besser Unterrichteten, wofern nur beide ihre Gebete mit Danksagung zu dem Schöpfer der Welt emporsenden, und zwar durch den, der als "Hoherpriester"1 den Menschen die reine Gottesverehrung dargetan hat. Wer also auf diejenigen heftig schilt, die nach Kräften dem allmächtigen Gott dienen wollen, und wer diese Gläubigen "an ihren Seelen gelähmt und verstümmelt" nennt und wer von den Christen, die aus Herzensgrund so zu sprechen sich bemühen: "Denn wir leben wohl im Fleische, führen aber den Kampf nicht nach dem Fleische. Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig durch Gott"2 , wer von diesen Christen sagt, dass sie "nur mit dem toten Leibe lebten"; solche Leute mögen zusehen, dass sie nicht durch ebendiese Schmähungen gegen Menschen, die Gottes Eigentum zu sein wünschen, ihre eigenen "Seelen lahm machen" und ihren "innern Menschen"3 "verstümmeln", indem sie diesem durch die Schmähreden gegen andere, die tugendhaft leben wollen, die Billigkeit und das ruhige Gleichmaß rauben, Eigenschaften, die der Schöpfer den vernünftigen Wesen ihrer Natur nach eingepflanzt hat.
Wer aber außer andern Lehren von dem göttlichen Wort auch dies gelernt hat und ausführt, "geschmäht zu segen, verfolgt auszuhalten, verleumdet zu trösten"4 , der dürfte wohl die Schritte seiner Seele auf den rechten Pfad gelenkt haben und seine ganze Seele reinigen und in Bereitschaft setzen, nicht um allein mit Worten "Sein" von "Werden" und "geistig Erkennbares" von "dem Sichtbaren" zu scheiden und "die Wahrheit" mit dem Sein" zu S. 702 verknüpfen, vor "dem mit dem Werden verbundenen Irrtum" aber auf alle Weise zu fliehen, sondern um5 , wie er es gelernt hat, nicht auf die Dinge, die zum "Werden" gehören und "sichtbar" und deshalb "zeitlich"6 sind, zu schauen, sondern auf die, welche höher stehen, mag man sie nun "Sein" nennen wollen oder, weil sie nur geistig erkennbar sind, "unsichtbar"7 oder, weil sie ihrer Natur nach außerhalb der sinnlichen Wahrnehmung liegen, "nicht sichtbar"8 .
In dieser Weise betrachten auch die Jünger Jesu das Gebiet "des Werdens". so dass sie es gleichsam als Leiter gebrauchen, um zur Erkenntnis der Natur der geistigen Dinge zu gelangen. Denn "das Unsichtbare" an Gott, das heißt das Geistige, "das man an seinen Geschöpfen erkennt", wird von "Erschaffung der Welt" her mit dem Denken gesehen9 . Und wenn sie sich von den Geschöpfen der Welt zu dem Unsichtbaren an Gott erhoben haben, so bleiben sie da nicht stehen, sondern nachdem sie daran ihren Geist hinlänglich geübt und es verstanden haben, so heben sie sich zu der ewigen Macht Gottes, mit einem Worte zu seiner Gottheit empor. Sie wissen nämlich, dass Gott in seiner Liebe zu den Menschen seine "Wahrheit" und "das, was von ihm zu erkennen ist", nicht nur denen "offenbart hat"10 , die sich seinem Dienste weihen, sondern auch einigen von denen, die außerhalb der reinen Gottesverehrung und der Gott gebührenden Frömmigkeit stehen. Manche aber von denen, die sich durch die Vorsehung Gottes zu der Erkenntnis so bedeutender Dinge erhoben haben, handeln nicht entsprechend ihrer Erkenntnis, sondern sind gottlos und "halten die Wahrheit durch Ungerechtigkeit nieder" und können bei ihrer Kenntnis so erhabener Dinge fernerhin keine Möglichkeit "der Entschuldigung" bei Gott haben11 .
