26.
Sollen wir aber über den Unterschied zwischen der früher von den Juden nach dem mosaischen Gesetze beobachteten Verfassung und derjenigen, welche die Christen jetzt nach der Lehre Jesu befolgen wollen, einige kurze Bemerkungen machen, so sagen wir: Die buchstäbliche Beobachtung des mosaischen Gesetzes ließ sich mit der Berufung der Heiden, die unter der Herrschaft der Römer standen, nicht vereinigen; und andererseits konnte auch die alte staatliche Ordnung der Juden nicht ganz unversehrt erhalten werden, wenn sie sich nach Voraussetzung der vom Evangelium vorgeschriebenen Lebensführung unterwerfen wollten. Denn die Christen hätten nicht, wie das mosaische Gesetz befiehlt, ihre Feinde töten und die Übertreter des Gesetzes zum Feuertode oder zur Steinigung verurteilen und diese Strafe dann vollziehen können, da ja auch die Juden trotz ihres Wunsches an jenen Verbrechern solche Strafen, wie sie das Gesetz verlangt, zu vollstrecken nicht imstande sind. Hätte man dagegen den Juden jener Zeit, die eine eigene Staatsverfassung und ein eigenes Landgebiet besaßen, das Recht nehmen wollen, ihre Feinde zu bekriegen, für ihr Vaterland ins Feld zu ziehen, Ehebrecher, Mörder oder ähnliche Übeltäter mit dem Tode oder auf andere Weise zu bestrafen, S. 673 so hätten sie sicher gänzlich in Masse untergehen müssen, wenn die Feinde in ihnen ein Volk angegriffen hätten, das durch sein eigenes Gesetz entnervt und gehindert gewesen wäre, sich wider seine Feinde zu verteidigen. Dieselbe Vorsehung, die einst das Gesetz, jetzt aber das Evangelium Jesu Christi gegeben hat, wollte das Staatswesen der Juden nicht länger mehr bestehen lassen; sie zerstörte deshalb ihre Stadt und den Tempel und den Gottesdienst, der beim Tempel durch Darbringung von Opfern und Verrichtung der vorgeschriebenen Gebräuche gefeiert wurde.
Und wie sie diesen Dingen ein Ende machte, da sie ihre Fortdauer nicht mehr wollte, so hat sie dagegen auf dieselbe Weise die Zahl der Christen Tag für Tag bis zur Menge gesteigert und ihnen auch schon Redefreiheit dazu gewährt, obwohl doch tausendfache Hindernisse für die Ausbreitung der Lehre Jesu über den Erdkreis entstanden. Da aber Gott wollte, dass auch die Heiden die Segnungen der Lehre Jesu Christi empfangen sollten, so wurden alle Anschläge der Menschen wider die Christen zunichte. Und je mehr sie von Königen und Herrschern der Völker und Gemeinden überall bedrückt wurden, um so mehr wuchsen sie an Zahl „und wurden sehr stark“1
vgl. Ex 1,7 ↩
