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Hierauf sagt Celsus: "Daß ich aber mit dieser Ansicht mein Ziel nicht verfehle, will ich aus den eigenen Worten jener Leute nachweisen. Denn in dem himmlischen Dialoge, glaub ich, äußern sie sich wohl so mit diesen Wendungen: "Wenn der Sohn stärker ist als Gott, und wenn der Sohn des Menschen Gottes Herr ist - und welcher andere wird Herr sein über den herrsc henden Gott? - wie kommt es, daß viele um den Brunnen herumstehen, und keiner in ihn hienabsteigt? Warum bist du verzagt, da du doch einen so weiten weg zurückgelegt hast? - Du irrst dich, denn Unerschrockenheit und ein Schwert ist mir zur Hand." So stellen sie sich nicht die Aufgabe, den überhimmlischen Gott zu verehren, sondern denjenigen, den sie als Vater dieses1 angenommen haben, welcher Mittelpunkt ihrer Vereinigung ist; damit sie unter dem Deckmantel des großen Gottes diesem, den sie an ihre Spitze stellen, dem Sohn des Menschen, den sie als "stärker" und als "Herrn des herrschenden Gottes" bezeichnen, allein ihre Verehrung erweisen. Daher S. 748 stammt bei ihnen die Mahnung, man dürfe nicht "zwei Herren dienen, damit der Aufruhr, der von diesem einen ausgeht, erhalten bleibe."
Auch an dieser Stelle wieder entnimmt Celsus diese Ansichten irgendeiner ganz unbedeutenden Sekte und macht daraus allen Christen einen Vorwurf. Ich betone: "irgendeiner ganz unbedeutenden Sekte", so daß es auch für uns, die wir uns doch häufig in der Widerlegung von Anhängern von Sekten geübt haben, nicht klar ist, von welcher Lehre Celsus dies entnommen hat; wenn er es überhaupt2 entnommen und nicht vielmehr erdichtet oder als Folgerung hinzugefügt hat. Denn da wir behaupten, daß auch die sinnlich wahrnehmbare Welt dem Schöpfer des Weltalls angehöre, so erklären wir damit ganz offenbar, daß "der Sohn" nicht "stärker", sondern schwächer "als der Vater ist". Und zwar sagen wir dies, da wir ihm Glauben schenken, wenn er spricht: "Der Vater, der mich gesandt hat, ist größer als ich."
Und keiner von uns ist so wahnwitzig, um zu sagen: "Der Sohn des Menschen ist Gottes Herr." Wenn wir aber den Heiland als "Gott, das Wort", und als "die Weisheit und Gerechtigkeit und Wahrheit" betrachten, so sagen wir dann allerdings, daß er über alle Dinge, die ihm nach diesen Eigenschaften unterworfen sind, herrsche, aber durchaus nicht auch über "den ihn beherrschenden Gott und Vater". Da ferner das Wort über niemand gegen dessen Willen "herrschen" will, und Schlechtigkeit sich nicht nur bei manchem Menschen, sondern auch bei einigen Engeln und bei allen Dämonen findet, so behaupten wir, daß es diese, da sie sich ihm nicht freiwillig fügen, auch noch nicht "beherrscht".Nimmt man aber das Wort "herrschen" in anderer Bedeutung, so "herrscht" das Wort auch übers sie in ähnlicher Weise, wie wir sagen, daß der Mensch über die unvernünftigen Tiere "herrscht", S. 749 ohne daß er doch ihren Willen unterwirft, so wie er etwa nach Zähmung manche Löwen und ins Joch gespannte Zugtiere "beherrscht". Indessen läßt das Wort nichts unversucht, um auch diejenigen, welche ihm jetzt noch nicht gehorchen, zum Gehorsam zu bringen und auch über sie zu "herrschen". Nach unserer Auffassung ist also das falsch, was Celsus als unsern angeblichen Ausspruch anführt: " Welcher andere wird Herr sein über den herrschenden Gott?"
