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S. 797 Wenn Celsus sagt; „Man muß also überzeugt sein, daß sie gewissen Aufsehern dieses1 Gefängnisses übergeben worden sind“, so ist ihm zu erwidern, daß eine tugendhafte Seele auch in dem2 Leben der „Gefangenen der Erde“, wie es Jeremia genannt hat, von den Fesseln der Sünde befreit werden dürfte. Denn Jesus hat es gesagt, wie es lange Zeit vor seiner Ankunft schon der Prophet Jesaia vorausgesagt hatte; was anderes hat er aber vorausgesagt als dies: „Den Gefangegen: Geht heraus! und denen in der Finsternis: Kommt ans Licht!“ Und eben dieser Jesus „ging“, wie derselbe Jesaia von ihm vorausgesagt hat, „denen, die im Land und Schatten des Todes saßen, als Licht auf“, so daß wir deshalb sagen können: „Laßt uns ihre Fesseln zerreißen und ihr Joch von uns abwerfen!“
Wenn aber Celsus mit den Leuten, die ebenso3 gegen uns wie jener gesinnt sind, den tiefen Sinn der Evangelien hätte verstehen können, so würde er uns nicht geraten haben, denen zu gehorchen, die er „Aufseher des Gefängnisses“ nennt. In dem Evangelium steht geschrieben, daß „es eine Frau gab, die verkrümmt und nicht imstande war, sich vollständig aufzurichten. Als Jesus diese erblickte“ und sah, aus welcher Ursache sie „verkrümmt“ und verhindert war „sich vollständig aufzurichten“ sagte er: „Diese Tochter Abrahams aber, die der Satan, siehe, schon achtzehn Jahre gebunden hielt, sollte nicht von dieser Fessel gelöst werden amTage des Sabbats?“ Und wie viele andere gibt es noch, die „vom Satan jetzt gebunden und zusammengekrümmt “ und wegen seiner Einwirkung „nicht imstande sind, sich vollständig aufzurichten“, da er will, daß wir nach unten schauen? Und niemand kann sie aufrichten, außer das in Jesus erschienene Wort, das auch früher schon von S. 798 Gott erfüllt war. Und Jesus kam, um „alle die zu befreien, die vom Teufel überwältigt waren“, indem er von jenem mit der ihm eigenen tiefen Weisheit sagte: „Jetzt ist der Herrscher dieser Welt gerichtet“.
Wir „schmähen“ also nicht „die Dämonen, die auf der Erde weilen“, sondern weisen nach, daß ihre Betätigung auf das Verderben des Menschengeschlechts abzielt. Denn ihre Orakelsprüche, ihre Heilungen von körperlichen Leiden und ihre sonstigen Werke sind nicht aufrichtig gemeint, sondern wollen nur die Seele, welche in diesen „Leib der Erniedrigung“ gekommen sind, von Gott trennen. Wer diese Erniedrigung erkannt hat, ruft deshalb laut aus:„Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?“ Aber wir „bieten“ auch nicht „zwecklos unsern Leib zur Folterung und zum Martertode dar“. Denn nicht „zwecklos“ setzt ein Mensch seinen Leib diesen Qualen aus, wenn er die auf der Erde weilenden Dämonen nicht Götter nennen will und deshalb von ihnen und ihren Verehrern verfolgt wird. Aus guten Gründen halten wir es gerade für gottgefällig, daß wir wegen unserer Frömmigkeit „gefoltert werden“ und um der Heiligkeit willen „den Tod erleiden müssen“; denn „kostbar ist vor dem Herrn der Tod seiner Frommen“. Für gut erklären wir aber auch, wenn man „nicht am Leben hängt“. Celsus vergleicht uns mit „Verbrechern, die mit Recht die Strafen auf sich nehmen müssen, welche sie für ihre Räubereien zu leiden haben“, und scheut sich nicht, unsere so lobenswerten Grundsätze mit der Gesinnung der Straßenräuber auf gleiche Stufe zu stellen, indem er sich hier zum Genossen derjenigen mahct, von welchen Jesus „unter die Übeltäter gerechnet wurde“, und bei denen das Schriftwort erfüllt worden ist, das lautet: „Er wurde unter die Übeltäter gerechnet“.
