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S. 350 Celsus verspottet aber auch die Geschichte von „der Schlange“, die, wie er sagt; „den Geboten“, die Gott den Menschen gegeben hatte, „entgegenarbeitet“ und meint, diese Geschichte sei „ein Märchen“, ähnlich denen, wie sie „die alten Weiber“ erzählen. In der Schrift lesen wir aber auch, dass Gott „das Paradies in Eden gegen Osten gepflanzt“ und hierauf „aus dem Boden allerlei Bäume hervorgebracht habe,1 schön zu schauen und lieblich zu essen, auch den Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“2 . Diese Dinge aber und die andern, die dann noch folgen, übergeht er absichtlich, da sie den wohlwollenden Leser von selbst veranlassen könnten, zu glauben, dies alles würde ohne Verletzung der schuldigen Ehrfurcht recht wohl in bildlicher Weise verstanden werden. Dem Angriff des Celsus wollen wir nun aus „dem Gastmahl“ Platos die Worte gegenüberstellen, die dort von Sokrates über den Eros gesagt sind und den Sokrates deshalb in den Mund gelegt werden, weil er im Vergleich mit allen den Rednern im Gastmahl als der würdigste galt. So lautet aber die Stelle bei Plato: "Als Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den andern auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber abgespeist hatten, da kam Penia3 , um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar - denn Wein gab es damals noch nicht - in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da machte Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen, sie legte sich also zu ihm und empfing den Eros.
Deshalb ist auch Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfest erzeugt wurde und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als dem Sohne des Poros und der Penia nun ist dem Eros ein solches Los geworden: S. 351 erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rauh und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er immer auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, und ist gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse. Und nach seinem Vater wiederum geartet, stellt er dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach Einsicht trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sopist: und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage blüht er bald und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin: wiederum aber erwachst er zum Leben vermöge der Natur seines Vaters. Das Gewonnene jedoch fließt ihm immer wieder davon, sodass Eros weder jemals Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt. Auch zwischen Weisheit und Unwissenheit steht er in der Mitte." Wenn nun die Leser dieser Worte sich die Bosheit des Celsus zu eigen machen wollen - was bei Christen ausgeschlossen sein möge -, so werden sie diese Sage verlachen und Plato, diesen großen Philosophen, mit Spott bedenken.
Wenn sie aber so sorgfältig, wie es sich für Philosophen geziemt, die in eine Sage eingekleidete Darstellung prüfen und die Absicht Platos herauszufinden vermögen, [so werden sie die Kunst bewundern,] mit der er die Lehren, deren Bedeutung ihm einleuchtete, der großen Menge wegen in der Form der Sage zu verbergen, aber doch so, wie es nötig war, denjenigen mitzuteilen verstanden hat, welche von Sagen ausgehend die auf Wahrheit gerichtete Absicht ihres Verfassers herauszufinden wissen. Ich habe aber die bei Plato berichtete Sage wegen des bei ihm erwähnten S. 352 „Gartens des Zeus“ angeführt, da dieser, wie mir scheint, mit dem Paradiese Gottes eine gewisse Ähnlichkeit hat; und weil die Penia mit der Schlange dort zu vergleichen ist, und Poros, dem die Penia Nachstelllungen bereitet, mit dem Menschen, dem die Schlange nachstellt. Es ist nicht ganz klar, ob Plato zufällig auf diese Geschichte gekommen oder ob er, wie einige meinen, auf seiner Reise nach Ägypten auch mit Männern, die die jüdischen Lehren wissenschaftlich behandelten, zusammengetroffen ist und von ihnen manches gelernt und teils festgehalten, teils umgearbeitet hat, da er sich hütete, bei den Griechen durch Übernahme der ganzen Weisheit der Juden anzustoßen, die ja bei der großen Menge wegen ihrer fremdartigen Gesetze und ihrer ganz eigentümlichen Staatsverfassung verrufen sind. Doch es ist hier nicht der Ort, über die Sage Platos oder über die Geschichte von der Schlange und von dem Paradiese Gottes und über die andern Dinge, die sich nach der Angabe der Schrift dort zugetragen haben, eine Erklärung zu geben; denn in unserer Auslegung der Genesis sind wir, soweit es möglich war, ganz besonders auf diese Punkte eingegangen.
