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Aber wenn wirklich das Gesetz des Moses nichts enthielte, was einen tieferen Sinn hat, so würde der Prophet wohl nicht in seinem Gebete zu Gott also sprechen: „Öffne meine Augen, dass ich deine Wunder aus deinem Gesetz erkennen kann!“1 Nun aber wußte er, dass ein gewisser „Schleier“ des Nichtverstehens auf dem Herzen der Leser liegt, die den bildlichen Sinn nicht verstehen. Dieser „Schleier“ wird durch die Gnade Gottes „weggenommen“2 , wenn er auf den hört, der an sich alles tut und nach seinem geistigen Zustande „die Sinne übt zur Unterscheidung von Gut und Böse“3 und in seinen Gebeten ohne Unterlaß spricht: „Öffne meine Augen, dass ich deine Wunder aus deinem Gesetz erkennen kann!“4 . Und wer wird von „dem Drachen“ lesen, „der im Strome Ägyptens lebt“ und von „den Fischen, die sich unter seinen Schuppen verstecken“5 , oder „von dem Kote Pharaos, mit dem die Berge Ägyptens angefüllt sind“6 , und nicht sofort den Drang in sich fühlen, zu fragen, wer der sei, der die Berge der Ägyptier mit so viel übelriechendem Kote von sich erfüllt, und was man unter den Bergen der Ägyptier und unter den Flüssen in Ägypten zu verstehen habe, von denen der genannte Pharao in seinem Stolze sagt: „Mein sind die Flüsse und ich habe sie gemacht7 ; und welche Deutung dem Drachen gegeben S. 367 werden muss, die mit der Erklärung stimmen soll, die man von den Flüssen geben wird, und was man sich unter “den Fischen zu denken habe, „die unter seinen Schuppen liegen“? Doch wozu soll ich noch mehr Beweise für Dinge anführen, die keines Beweises bedürfen, und für die das Schriftwort gilt: „Wer ist weise und wird dieses verstehen? oder verständig und wird es erkennen?“8
Ich habe mich bei diesem Gegenstand etwas länger aufgehalten in der Absicht, nachzuweisen, wie unverständig die Behauptung des Celsus ist, dass „ die vernünftigeren unter den Juden und Christen wohl versuchen, diesen Dingen eine bildliche Deutung zu geben, diese seien aber nicht von der Art, dass sie irgendeine sinnbildliche Deutung zuließen, sondern wären vielmehr die albernsten Märchen.“ Weit eher sind nämlich die Geschichten der Griechen nicht bloß „die albernsten“, sondern auch die gottlosesten „Märchen“. Denn unsere Geschichte nimmt auch auf die große Masse der einfachen Gläubigen Rücksicht, während dies die Verfasser der griechischen Fabeleien nicht beachtet haben. Und darum handelt Plato so unrecht nicht, wenn er derartige Märchen und derartige Gedichte von seinem Staate ausschließt.
