1. Kapitel1
Cyprianus entbietet seinem Bruder Stephanus seinen Gruß.
Unser Amtsgenosse Faustinus in Lugdunum2 hat, teuerster Bruder, wiederholt mir geschrieben und S. 301 Mitteilungen gemacht, die auch euch, wie ich weiß, sicherlich von ihm sowohl wie auch von unseren übrigen Mitbischöfen in der gleichen Provinz zugegangen sind: daß nämlich Marcianus von Arelate3 mit Novatianus sich vereinigt und von der Wahrheit der katholischen Kirche und von unserer einmütigen priesterlichen Körperschaft sich getrennt hat. Er hält fest an der hartherzigen Verkehrtheit ketzerischer Anmaßung und verlangt, man solle den reumütigen und betrübten Knechten Gottes, die unter Tränen und Seufzen und Schmerzen an die Türe der Kirche pochen, den Trost und die Hilfe der göttlichen Güte und väterlichen Milde verschließen und die Verwundeten nicht zur Pflege ihrer Verletzungen zulassen, sondern sie ohne Hoffnung auf Frieden und Gemeinschaft lassen und den Wölfen zum Raub und dem Teufel zur Beute vorwerfen. Hier hilfreich einzugreifen, teuerster Bruder, ist unsere Pflicht, die wir die göttliche Sanftmut bedenken und in der Leitung der Kirche das richtige Gleichgewicht wahren und die Strenge der Zucht gegenüber den Sündern in der Weise walten lassen, daß wir den der Aufrichtung und Pflege bedürftigen Gefallenen doch auch das Heilmittel der göttlichen Güte und Barmherzigkeit nicht versagen.
Inhalt des Briefes 68: S. 300 Dem Schismatiker Novatianus hatte sich auch der gallische Bischof Marcianus von Arelate angeschlossen und alsbald von ihm die gleiche schroffe Haltung gegenüber den Gefallenen übernommen. Trotzdem blieb er noch längere Zeit unangefochten in seinem Amt.Endlich wandte sich Faustinus, Bischof von Lugdunum, an die beiden führenden Bischöfe der damaligen Zeit, an Stephanus von Rom und an Cyprian von Karthago.Da Stephanus anfangs offenbar zögerte, gegen Marcianus einzuschreiten, so richtete Faustinus in der gleichen Angelegenheit noch einen zweiten Brief an Cyprian, der nun, wohl auf besonderen Wunsch des arelatischen Bischofs, den Papst Stephanus in dem vorliegenden Schreiben dringend ersucht, Ordnung zu schaffen, wie es die Rücksicht auf die kirchliche Einheit erfordere.Die überstrenge Praxis der Novatianer gegenüber den Gefallenen lehnt Cyprian als unchristlich ab; er beruft sich dabei auf die übereinstimmende Auffassung der beiden Vorgänger des Stephanus. Das Schreiben schließt mit der Bitte, ihm möglichst bald den Namen des neuen Bischofs mitzuteilen.Über den weiteren Verlauf der Sache wissen wir nichts Näheres; da aber der Name des Marcianus in der Bischofsliste von Arelate fehlt, so wird wohl damals seine Absetzung erfolgt sein.Geschrieben Ende 254 oder Anfang 255. ↩
Das heutige Lyon. ↩
Das heutige Arles. ↩
