115. Brief — An Pater Hieronymus Gracián in Almodóvar
Toledo, am 20. September 1576
Ankunft der Mutter des Paters Gracián und Klosterangelegenheiten in Malagón.
Jhs
Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit Euerer Paternität!
Denken Sie doch nicht, mein Vater, daß Sie die Dinge mit einem Schlag vollkommen machen. Was können Sie wohl innerhalb zwei oder drei Tagen in diesen Klösterchen ausrichten, das nicht auch Pater Anton zustande brächte? Denn kaum sind Sie fort, so sind die Dinge wieder wie zuvor, und was Sie betrifft, so setzen Sie sich tausend Gefahren aus.
Doña Johanna ist fest überzeugt, daß Euere Paternität tun werden, um was ich Sie bitte. Gebe Gott, daß es in dieser Angelegenheit so sein möge! Die gnädige Frau war drei Tage hier; allein ich konnte ihre Gegenwart nicht so genießen, wie ich es gewünscht hätte; denn sie empfing viele Besuche, besonders vom Kanonikus, mit dem sie innigst befreundet wurde. Ich versichere Euere Paternität, daß Ihnen Gott in ihr das beste Gut beschieden hat. Ihr Talent und ihr Charakter sind von der Art, wie ich sie an wenigen Damen, ja ich glaube, an keiner in meinem Leben gefunden habe. Sie besitzt eine Offenheit und Lauterkeit, die mich mit Gewalt hingerissen haben. In dieser Beziehung übertrifft sie noch ihren Sohn. Es würde mir zu sehr großem Troste gereichen, an einem Orte zu leben, wo ich oft mit ihr mich besprechen könnte. Wir waren so vertraut miteinander, als ob wir unser Leben lang beieinander gewesen wären.
Sie sagte, der Aufenthalt hier habe ihr große Freude gemacht. Gott wollte es, daß sich in der Nähe des Klosters eine Wohnung bei einer Witwe fand, die mit ihrer weiblichen Dienerschaft allein lebt. Das war ihr sehr angenehm, und sie hielt es für ein großes Glück, so nahe bei uns zu sein. Von unserem Kloster brachte man ihr die zubereitete Speise. Es war ein außerordentlicher Trost für mich, daß Euere Paternität mir den Besitz von einigem Geld erlaubt hatten; denn so blieben dem Kloster Unkosten erspart. Da alles nur wenig war, was ich tat, so geschah es mit um so größerer Liebe.
Es war für mich ergötzlich, daß Euere Paternität mir schrieben, mich vor ihr zu entschleiern. Es scheint, daß Sie mich nicht kennen. Ihrer Mutter hätte ich das Innerste meines Herzens eröffnen mögen. Ihre Tochter, Doña Johanna, war bis zum letzten Tage bei ihr. Sie schien mir sehr liebenswürdig zu sein; es tut mir leid, sie unter jenen Fräulein zu sehen, weil sie, wie sie sagte, dort in Wahrheit ein viel härteres Leben hat als bei uns. Gerne hätte ich ihr das Ordenskleid wie ich es meinem Engelchen, ihrer Schwester, gegeben habe. Dieselbe hat ein so gutes Aussehen und ist so dick, wie man es selten sehen kann. Doña Johanna konnte bei ihrem Anblicke nicht genug staunen, und das Peterchen, ihr Bruder, vermochte sie mit seinem ganzen Verstande nicht zu erkennen. Sie ist meine ganze Erholung, die ich hier habe. Der Doña Johanna habe ich noch am letzten Tage vieles gesagt. Sie scheint davon etwas ergriffen gewesen zu sein, wie mir Anna de Zurita bestätigte. Dieser teilte sie mit, daß sie während der ganzen folgenden Nacht den Gedanken nicht losgebracht habe, ins Kloster zu treten, und diese Absicht ihr nicht sehr ferne liege; sie wolle sich die Sache noch reiflicher überlegen. Gott möge es fügen! Empfehlen Euere Paternität diese Angelegenheit dem Herrn; denn sie hat eine so auffallende Ähnlichkeit mit Ihnen, daß ich sie überaus gerne bei mir haben möchte.
Nachdem Doña Johanna die Zufriedenheit und den schwesterlichen Verkehr aller gesehen, ist sie entschlossen, dahin zu wirken, daß Doña Maria in kurzem nach Valladolid geschickt werde. Ich glaube auch, daß sie es bereut habe, Doña Adriana aus dem Kloster weggenommen zu haben. Sie war, wie mir schien, sehr vergnügt, und ich halte sie einer Verstellung gar nicht fähig. Gestern schrieb sie mir einen Brief mit tausend Liebesbezeigungen. Sie sagt darin, daß sie bei uns von ihrer Traurigkeit und ihren Leiden nichts empfunden habe. Man hat mir diesen Brief mit mehreren anderen zerrissen. Es ist nämlich in den letzten zwei Tagen eine Unzahl von Briefen an mich gekommen, daß ich davon ganz verwirrt wurde. Es tut mir recht leid, daß der von der Mutter abhanden gekommen ist; denn ich hätte diesen so gern geschickt. Jene schrieb mir auch, daß am Tage ihrer Abreise von hier dem Herrn Lucas Gracián das dreitägige Fieber verlassen habe und er jetzt ganz gesund sei. O welch ein liebenswürdiger Mensch ist doch Thomas Gracián, der gleichfalls hieher kam! Er macht mir große Freude; heute habe ich ihm geschrieben, daß Euere Paternität abreisen werden. Seine Gesundheit war gut.
Wenn ich mich frage, welche von uns beiden Sie, mein Vater, mehr lieben sollen, Doña Johanna oder die arme Laurentia, so finde ich, daß Doña Johanna von ihrem Gemahl und ihren Kindern geliebt wird, während die arme Laurentia auf der ganzen Welt niemand hat als diesen ihren Vater. Möge es Gott gefallen, ihn ihr zu erhalten! Ich werde sie zu trösten suchen. Laurentia sagt mir, Joseph habe sie aufs neue versichert, daß er [diesen Pater] ihr erhalten werde. So fließt ihr Leben inmitten vieler Leiden und ohne Erleichterung dahin.
Sprechen wir nun vom Kapitel. Die Väter kehrten ganz befriedigt davon zurück, und ich freue mich sehr darüber, daß es so gut verlaufen ist. Gott sei Dank! Wahrhaftig, mein Vater, diesmal kommen Sie nicht ohne großes Lob davon. Alles kommt aus der Hand des Herrn, und vielleicht haben auch, wie Sie sagen, die Gebete viel beigetragen. Daß man die Klöster einer Aufsicht unterstellen wolle, hat mich außerordentlich gefreut; denn es ist dies ein sehr gutes und heilsames Vorhaben. Dem Pater, von dem ich zu Anfang gesprochen, habe ich ans Herz gelegt, er möge ja recht auf Handarbeit dringen; denn es ist unendlich viel daran gelegen. Er sagte mir, es sei dies im Kapitel nicht verhandelt worden, worauf ich ihm antwortete, daß ich darüber an Eure Paternität schreiben werde. Zugleich bemerkte ich ihm, daß dies schon in den Satzungen und in der Regel stehe, und was er dann wolle, wenn er nicht auf die Beobachtung [dieser Dinge] dringe. Was mich am meisten befriedigte und was ich gar nicht erwartet hätte, ist dies, daß man jene aus dem Orden stieß, die man entfernt wissen wollte. Es will viel heißen, daß man dieses Mittel zu ergreifen vermochte.
Dieser Pater erzählte mir auch von dem Plane, durch unseren Pater General die Gründung einer eigenen Provinz zu erwirken. Dies müssen wir auf alle mögliche Weise betreiben; denn es ist ein unerträglicher Krieg, mit dem Oberen immer in Zwiespalt zu leben. Handelt es sich dabei nur um Aufnahme von Geld, das man den Abgesandten mitgibt, so wird Gott Fürsorge treffen. Ich bitte Euere Paternität um der Liebe Gottes willen, ernstlich dafür zu sorgen, daß diese mit ihrer Abreise nicht säumen. Halten Sie dies nicht für nebensächlich; denn es ist die Hauptsache. Wenn der Prior von Peñuela wirklich so gut mit dem Pater General steht, so wird er wohl mit dem Pater Mariano [nach Rom] gehen. Könnten diese beim General nichts erwirken, so sollen sie sich an den Papst wenden; besser wäre jedoch das erstere, weil jetzt die Verhältnisse sehr günstig sind. Erwägen wir dazu noch die freundliche Gesinnung des Mathusalem, so sehe ich nicht ein, warum wir die Sache noch aufschieben sollen. Denn so hätten wir hier nichts und würden selbst die gelegene Zeit zu unserem Schaden übersehen.
Dieser Tage sagte mir ein Priester, der in freundschaftlicher Beziehung zu mir steht und seine Seelenangelegenheiten mit mir besprochen hatte, es sei ganz gewiß, daß Gilbert sehr bald, er meinte noch in diesem Jahre, sterben werde. Er habe auch bezüglich anderer Personen schon öfter eine solche Offenbarung erhalten und sei nie getäuscht worden. Wenn man auch auf eine solche Voraussage nichts geben kann, so ist dies doch möglich. Weil aber der Fall eintreten kann, so wird es gut sein, daß Euere Paternität die Möglichkeit im Auge behalten und unsere Angelegenheiten in Ordnung bringen. Die Visitation müssen Sie als etwas ansehen, was nur von kurzer Dauer ist.
Pater Petrus Fernández ließ alles, was er im Kloster der Menschwerdung zur Ausführung bringen wollte, durch Pater Angelus tun, während er selbst sich ferne hielt. Gleichwohl blieb er doch Visitator und waltete seines Amtes. Immer denke ich daran, was Ihnen jener Provinzial Gutes erwiesen hat, als Sie sich in seinem Kloster aufhielten, und ich wünschte, daß Sie sich, wenn es möglich wäre, nicht unerkenntlich dafür zeigten. Man beklagt sich darüber, daß Euere Paternität sich von Pater Evangelista leiten lassen. Gut wäre es auch, wenn Sie mit Vorsicht zu Werke gingen; denn wir sind nicht so vollkommen, daß wir uns nicht gegen die einen leidenschaftlich, gegen die anderen zu freundlich benehmen könnten; darum muß man auf alles achthaben.
Die Priorin von Malagón befindet sich, Gott sei Dank, etwas besser; allein man darf, wie die Ärzte sagen, nicht viel darauf geben. Ich war sehr verwundert darüber, daß Euere Paternität meine Reise nach Malagón meinem Gutdünken anheimstellten und weiter nichts davon reden wollten. Mein Verwundern war wohl begründet. Vor allem hat die Reise keinen Zweck. Ich bin weder so gesund, noch habe ich soviel aufopfernde Liebe, daß ich Krankenpfege übernehmen könnte. Für das Kloster, d. h. für dessen Ausbau, tue ich hier weit mehr. Denn da Anton Ruiz dort ist, so haben sich die Nonnen um nichts zu kümmern. Wäre es auch sehr notwendig, so ist doch jetzt, wie Euere Paternität sehen, die Zeit für eine solche Reise ungeeignet.
Einen anderen wichtigen Grund finde ich darin, daß Sie sagen, Sie befehlen mir diese Reise nicht und sie schiene Ihnen auch nicht für gut, so daß ich tun könne, was ich als das beste erachte. Das wäre mir eine sonderbare Vollkommenheit, wenn ich dem Gedanken Raum gäbe, meine Ansicht sei besser als die Ihrige! Als man mir berichtete, die Priorin sei nicht mehr bei Bewußtsein und könne nicht mehr reden, was aber Übertreibung war, da ließ ich sagen, daß Johanna Baptista, die mir hiezu als die tauglichste schien, die Sorge für das Kloster übernehmen sollte. Es ist mir nämlich so unangenehm, von ferne her Nonnen kommen zu lassen, daß ich so lange zögere, bis ich nicht mehr anders kann. Ich schrieb auch an die Priorin für den Fall, daß sie meinen Brief lesen konnte, es sei nach meiner Ansicht diese Verfügung am besten; wenn sie aber anderer Meinung wäre, so könnte sie jene aufstellen, die nach ihrem Wunsche wäre; dazu habe sie vom Orden die Befugnis.
Die Priorin wollte nun Johanna Baptista nicht und stellte Beatrix von Jesu auf, von der sie sagte, daß sie viel tauglicher sei. Vielleicht ist sie es wirklich, allein mir scheint es nicht so. Sie wollte auch nicht, daß Elisabeth von Jesu Meisterin der Novizinnen werde, deren so viele sind, daß sie mir große Sorge machen. Jene, die bisher dieses Amt verwaltete, hat keine üblen Novizinnen herangezogen; denn wenn sie auch nicht so erfahren ist, so ist sie doch eine gute Nonne. Aber auch diese wollte weder die Priorin noch der Lizentiat, und so liegt die ganze Last auf der Schwester Beatrix, die sehr ermüdet ist. Wenn diese das Amt einer Novizenmeisterin nicht gut versehen kann, so muß man es anderen übertragen; für die Besorgung der Hausangelegenheiten aber paßt, wie ich meine, jede im eigenen Kloster besser als jedwede andere, die von einem anderen Kloster dahin versetzt wird, wenn nur Gott die Priorin am Leben erhält. Ich habe wohl eingesehen, daß Euere Paternität es so geordnet haben, um die Priorin zufriedenzustellen. Wenn aber mir eine Versuchung, von hier fortzugehen, käme? Das wäre wirklich etwas Hartes; denn kaum kommt mir ein Gedanke, mich anderswohin zu begeben, so weiß es, wie mir scheint, schon die ganze Welt. Dennoch sage ich Ihnen, daß ich, wenn auf mein Wollen ankäme, einesteils doch gerne einige Tage in Malagón wäre.
Gestern war Doña Luise hier. Ich hoffe es bei ihr durchzusetzen, daß sie in diesem Jahre viertausend Dukaten gibt, obwohl sie nur zweitausend zu geben hätte. Wenn sie diese Summe bezahlt, so will der Stadtbaumeister, wie er sagt, bis auf Weihnachten übers Jahr den Bau soweit fertigstellen, daß die Nonnen um diese Zeit darin wohnen können. Man sieht also deutlich, daß Gott Euere Paternität leitet. Denn mein Aufenthalt hier wird noch großen Nutzen bringen, und mir selbst ist es angenehm, hier zu bleiben, um ferne von meinen Verwandten zu sein und die Last meines Amtes als Priorin von Ávila nicht tragen zu müssen.
Ich komme mir ganz sonderbar vor. Da ich sehe, daß Euere Paternität sich nichts daraus machen, mich hier zu lassen, obwohl Sie merken, daß ich nicht gerne hierbleiben will, so macht mir dies eine außerordentliche Freude. Es verleiht mir dies jene Freimütigkeit, mit der ich Ihnen meine Wünsche vollkommen darlegen und meine Gedanken vortragen kann, weil ich nämlich sehe, daß Ihnen meine Ansichten etwas Gleichgültiges sind.
Elisabeths Meisterin habe ich veranlaßt, an Euere Paternität zu schreiben. Wenn Sie sich nicht an ihren Namen erinnern sollten, so müssen Sie wissen, daß der Brief von ihr ist. O welche Anmut gewinnt Elisabeth durch ihr Wachstum! Wie stark wird sie, und wie liebenswürdig ist sie! Gott mache sie heilig und behüte Euere Paternität weit mehr als mich! Verzeihen Sie, daß ich so weitläufig geworden bin, und haben Sie Geduld; denn Sie sind dort, und ich bin hier. Ich bin gesund. Heute ist der Vorabend von St. Matthäus. Die Angelegenheit in Rom bitte ich eiligst zu betreiben. Die Abgesandten sollen nicht bis zum Frühjahr warten; jetzt ist die Zeit gelegen, und glauben Sie mir, es ist notwendig.
Euerer Paternität unwürdige Dienerin und
Untergebene
Theresia von Jesu
Plagen sich doch Euere Paternität nicht wegen dieser Nonnen; denn es wird, wie Mathusalem sagt, nur mehr kurze Zeit dauern. Auch die Nachtvögel glauben so. Diese behaupten, Mathusalem habe dem Peralta gesagt, er solle sich beeilen, in zwei Monaten wiederzukommen. Er werde dann, wie sie auch sagen, alle Gewalt bekommen. O, daß ich doch unsere Angelegenheit beendigt sähe! Der Herr gebe es und befreie uns alle von dieser Angst!
